Pharmakologische Behandlung der Sozialen Angststörung: Eine evidenzbasierte Analyse
⚠️ Wichtiger Hinweis
James Holloway ist Forscher, kein Arzt. Die in diesem Bericht dargestellten Informationen dienen ausschließlich Bildungszwecken und ersetzen keine medizinische Beratung. Medikamente zur Behandlung der sozialen Angststörung dürfen ausschließlich von einem qualifizierten Psychiater oder Facharzt verschrieben werden. Jede medikamentöse Therapie erfordert eine individuelle Bewertung durch medizinisches Fachpersonal.
Psychologe vs. Psychiater: Das deutsche Gesundheitssystem verstehen
Bevor wir uns den pharmakologischen Interventionen zuwenden, ist es wesentlich, die Unterschiede zwischen den Fachbereichen im deutschen Gesundheitssystem zu verstehen:
Psychologe/Psychologin (Diplom-Psychologe, M.Sc. Psychologie)
- Abgeschlossenes Psychologiestudium
- Keine Berechtigung zur Verschreibung von Medikamenten
- Schwerpunkt: Psychotherapie, psychologische Diagnostik, verhaltenstherapeutische Interventionen
- Zugang: Über Krankenkassenzulassung oder Privatpraxis
Psychiater/Psychiaterin (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie)
- Medizinstudium mit Facharztausbildung
- Verschreibungsberechtigung für Psychopharmaka
- Schwerpunkt: Medikamentöse Behandlung, neurologische Diagnostik, schwere psychische Störungen
- Kann zusätzlich psychotherapeutisch arbeiten
Psychotherapeut/Psychotherapeutin
- Kann sowohl Psychologe als auch Psychiater sein
- Zusatzqualifikation in einem anerkannten Psychotherapieverfahren
- Berechtigung zur Durchführung von Psychotherapie
Für die optimale Behandlung der sozialen Angststörung (soziale angst symptome) empfiehlt sich häufig eine Kombination: Der Psychiater überwacht die medikamentöse Einstellung, während der Psychotherapeut die soziale angst therapie durchführt.
Klassifizierung der Medikamente: Die wissenschaftliche Grundlage
SSRIs & SNRIs: Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
Wirkmechanismus auf neurobiologischer Ebene:
SSRIs (Selective Serotonin Reuptake Inhibitors) und SNRIs (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) repräsentieren die Erstlinientherapie bei der pharmakologischen Behandlung der sozialen Angststörung. Die aktuelle Forschungslage zeigt, dass ihre Wirksamkeit nicht primär auf einer simplen “Serotonin-Auffüllung” basiert, sondern auf komplexen neuroplastischen Veränderungen.
Neueste Forschungsergebnisse (2024-2025):
Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 analysierte 18 randomisierte kontrollierte Studien und bestätigte die Wirksamkeit von SSRIs bei der Behandlung der sozialen Angststörung. Besonders bedeutsam sind dabei Erkenntnisse zur Amygdala-Modulation:
Die Amygdala, das neuronale Angstzentrum, zeigt bei Patienten mit sozialer Angststörung eine Hyperreaktivität auf soziale Bedrohungsreize. Neuroimaging-Studien mittels Positronen-Emissions-Tomographie (PET) demonstrieren, dass sowohl SSRI- als auch Placebo-Responder eine Reduktion der regionalen zerebralen Durchblutung in spezifischen Amygdala-Subregionen aufweisen – insbesondere in der linken basomedial/basolateralen und rechten ventrolateralen Amygdala. Diese Befunde sind revolutionär, da sie zeigen, dass erfolgreiche Anxiolyse unabhängig vom Wirkmechanismus gemeinsame neuronale Zielpfade nutzt.
Die Rolle der Neuroplastizität:
Die therapeutische Wirkung von SSRIs entfaltet sich nicht unmittelbar, sondern über einen Zeitraum von 6-12 Wochen. Dieser Zeitverlauf korreliert mit der Induktion neuroplastischer Veränderungen: SSRIs stimulieren die cAMP-Kaskade, was zu einer Erhöhung von CREB (cAMP Response Element-Binding Protein) und BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor) führt, welche letztendlich Neurogenese und synaptische Plastizität fördern.
Eine multimodale Neuroimaging-Studie von 2016 zeigte, dass Patienten mit sozialer Angststörung nach kognitiver Verhaltenstherapie sowohl eine Reduktion des Grauen-Substanz-Volumens als auch eine verminderte BOLD-Reaktivität in der Amygdala aufwiesen. Diese strukturellen und funktionellen Veränderungen verdeutlichen: Heilung ist nicht chemische Korrektur, sondern strukturelle Reorganisation.
Evidenzbasierte Wirkstoffe:
Nach aktueller Metaanalyse (Mayo-Wilson et al., 2014, Lancet Psychiatry) sind folgende Wirkstoffe als Erstlinientherapie etabliert:
- Paroxetin (Seroxat®, Tagonis®)
- Stärkste Evidenz in Netzwerk-Metaanalysen
- Dosierung: 20-50 mg/Tag
- NNT (Number Needed to Treat): 4-5
- Sertralin (Zoloft®, Gladem®)
- Günstigeres Nebenwirkungsprofil
- Dosierung: 50-200 mg/Tag
- Präferiert bei komorbiden Depressionen
- Escitalopram (Cipralex®, Sepram®)
- Höchste Selektivität für Serotonin-Transporter
- Dosierung: 10-20 mg/Tag
- Schnellerer Wirkungseintritt berichtet
- Fluvoxamin (Fevarin®)
- Zusätzliche sigma-1-Rezeptor-Modulation
- Dosierung: 100-300 mg/Tag
- Venlafaxin (Trevilor®) – SNRI
- Dualer Mechanismus: Serotonin + Noradrenalin
- Dosierung: 75-225 mg/Tag
- Effektiv bei SSRI-Nonrespondern
Amygdala-Präfrontalkortex-Konnektivität:
Die anxiolytische Wirkung von SSRIs wird durch veränderte funktionelle Kopplungen zwischen Amygdala und präfrontalen Arealen vermittelt: Responder zeigen eine inverse Ko-Aktivierung zwischen linker Amygdala und dorsolateralem präfrontalem Kortex sowie rostralem anteriorem cingulären Kortex. Diese Befunde unterstützen die Hypothese, dass erfolgreiche Behandlung die Top-Down-Regulation emotionaler Reaktionen wiederherstellt.
Betablocker: Periphere Blockade der Stressantwort
Pharmakologischer Mechanismus:
Betablocker (β-Adrenorezeptor-Antagonisten) wie Propranolol (Dociton®) wirken nicht zentral auf die Amygdala, sondern peripher auf das autonome Nervssystem. Sie blockieren β1- und β2-Adrenozeptoren und verhindern damit die katecholamininduzierte physiologische Stressantwort.
Klinische Indikation:
Betablocker sind keine Therapie der sozialen Angststörung, sondern ein taktisches Instrument bei situativer Leistungsangst:
- Öffentliche Reden
- Prüfungssituationen
- Musikalische/künstlerische Auftritte
- Wichtige berufliche Präsentationen
Dosierung & Timing:
- Propranolol: 10-40 mg, 30-60 Minuten vor der angstauslösenden Situation
- Wirkdauer: 2-4 Stunden
- Kein Abhängigkeitspotenzial
Kontraindikationen:
- Asthma bronchiale
- Bradykardie (Herzfrequenz < 60 bpm)
- Hypotonie
- AV-Block II°/III°
Limitationen:
Betablocker reduzieren ausschließlich periphere Symptome (Tachykardie, Tremor, Schwitzen), nicht jedoch die kognitive Komponente der angst in sozialen situationen. Sie sind daher kein Ersatz für eine langfristige psychotherapeutische Intervention.
Benzodiazepine: Das zweischneidige Schwert
Neurochemischer Mechanismus:
Benzodiazepine (z.B. Alprazolam, Clonazepam, Lorazepam) sind GABA-A-Rezeptor-Modulatoren. Sie verstärken die Wirkung des inhibitorischen Neurotransmitters GABA (Gamma-Aminobuttersäure), was zu einer generellen neuronalen Dämpfung führt.
Klinische Realität:
Benzodiazepine sind hocheffektiv in der akuten Angstreduktion (Wirkungseintritt: 15-30 Minuten), aber mit erheblichen Risiken behaftet:
- Abhängigkeitspotenzial:
- Physische Abhängigkeit entwickelt sich bei täglicher Einnahme innerhalb von 2-4 Wochen
- Psychische Abhängigkeit kann noch schneller entstehen
- Entzugssymptome: Rebound-Angst, Tremor, in schweren Fällen Krampfanfälle
- Toleranzentwicklung:
- Die anxiolytische Wirkung nimmt bei regelmäßiger Einnahme ab
- Dosiseskalation erforderlich für gleichen Effekt
- Kognitive Beeinträchtigung:
- Gedächtnisstörungen (anterograde Amnesie)
- Verlangsamte Reaktionszeit
- Beeinträchtigte Psychomotorik
- Inhibierung der Neuroplastizität:
- Benzodiazepine können neuroplastische Prozesse unterdrücken, die für langfristige Angstreduktion notwendig sind
- Interferenz mit Expositionstherapie: GABA-erge Dämpfung verhindert Extinktionslernen
Indikation (sehr restriktiv):
- Akute Panikzustände
- Krisenintervention (maximal 2-4 Wochen)
- Überbrückung bis zum Wirkungseintritt von SSRIs
Absolute Kontraindikation für Langzeittherapie:
Die Behandlungsleitlinien (Bandelow et al., 2017) empfehlen explizit keine Langzeitverordnung von Benzodiazepinen bei sozialer Angststörung aufgrund des ungünstigen Risiko-Nutzen-Verhältnisses.
Alternative pharmakologische Optionen
Pregabalin (Lyrica®):
Pregabalin bei hohen Dosen (450-600 mg/Tag) zeigt die stärkste Evidenz als alternative Substanz für die Behandlung der sozialen Angststörung. Als α2δ-Ligand moduliert Pregabalin die spannungsabhängigen Kalziumkanäle und reduziert die Freisetzung exzitatorischer Neurotransmitter.
Vorteile:
- Kein Abhängigkeitspotenzial im klassischen Sinne
- Schnellerer Wirkungseintritt als SSRIs (1-2 Wochen)
Nachteile:
- Sedierung, Schwindel
- Gewichtszunahme
- Missbrauchspotenzial in Kombination mit Opiaten
Das “Krückstock-Prinzip”: Medikamente als Brücke zur Neuroplastizität
Die zentrale Metapher für das Verständnis pharmakologischer Interventionen ist der Krückstock nach einem Beinbruch:
Ein Krückstock ermöglicht Mobilität während der Heilungsphase – er ist jedoch nicht die Heilung selbst. Langfristig muss das Bein durch Physiotherapie und Training wieder vollständig funktionsfähig werden. Würde man die Krücke dauerhaft nutzen, würde die Muskulatur atrophieren.
Übertragen auf die soziale Angststörung:
- Medikamente als Katalysator:
- SSRIs reduzieren die Amygdala-Hyperreaktivität
- Dies schafft ein neuroplastisches Fenster, in dem Expositionstherapie effektiver wirkt
- Die medikamentös induzierte Angstreduktion ermöglicht erst, dass der Patient sich sozialen Situationen aussetzt
- Verhaltenstherapie als Heilungsprozess:
- Kognitive Verhaltenstherapie induziert strukturelle Veränderungen in der Amygdala – sowohl volumetrisch als auch funktionell
- Extinktionslernen – das Verlernen der Angstreaktion – erfordert wiederholte Exposition
- Neuroplastische Reorganisation durch neue synaptische Verbindungen
- Das Anxiety Solve™ Protokoll:
- Systematische graduelle Exposition
- Kognitive Umstrukturierung
- Interozeptive Exposition (Konfrontation mit körperlichen Angstsymptomen)
- Aufbau sozialer Kompetenz
Die Gefahr der dauerhaften Medikation:
Wird ausschließlich medikamentös behandelt ohne verhaltenstherapeutische Intervention, besteht das Risiko, dass nach Absetzen der Medikation die Symptome vollständig zurückkehren – da keine strukturellen neuronalen Veränderungen stattgefunden haben.
Die optimale Kombination (Stand 2025):
Eine Netzwerk-Metaanalyse im Lancet Psychiatry zeigte, dass kombinierte Interventionen (Pharmakotherapie + CBT) die höchsten Effektstärken aufweisen. Die synergistische Wirkung erklärt sich durch:
- Medikamente schaffen die neurobiologische Voraussetzung (reduzierte Amygdala-Reaktivität)
- Therapie nutzt diese Voraussetzung zur strukturellen Umgestaltung
- Ergebnis: Nachhaltige Angstreduktion auch nach Medikamentenabsetzen
Natürliche Alternativen & Nutrazeutika: Wissenschaftliche Bewertung
Die Nachfrage nach “natürlichen” Anxiolytika ist groß, die Evidenzlage jedoch heterogen. Eine objektive Bewertung:
Magnesium
Mechanismus:
- NMDA-Rezeptor-Antagonismus
- GABA-erge Modulation
- Regulation der HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse)
Evidenzlage: Moderate Evidenz für anxiolytische Effekte bei Magnesiummangel. Eine Metaanalyse (Boyle et al., 2017) zeigte geringe bis moderate Effekte bei generalisierter Angststörung.
Dosierung:
- 200-400 mg Magnesiumglycinat oder -citrat täglich
- Beste Bioverfügbarkeit bei organischen Verbindungen
Bewertung: ⭐⭐⭐☆☆ (3/5) Sinnvolle Ergänzung, aber kein Ersatz für evidenzbasierte Therapie.
L-Theanin
Mechanismus:
- Strukturanalogie zu Glutamat und GABA
- Erhöhung der α-Wellen-Aktivität (entspannter Wachzustand)
- Modulation von Dopamin und Serotonin
Evidenzlage: Kleinere RCTs zeigen akute anxiolytische Effekte bei stressinduzierter Angst, jedoch keine Daten speziell für soziale Angststörung.
Dosierung:
- 200-400 mg, 30-60 Minuten vor stressigen Situationen
- In grünem Tee natürlich vorkommend (ca. 25 mg pro Tasse)
Bewertung: ⭐⭐⭐☆☆ (3/5) Für akute Stresssituationen möglicherweise hilfreich, aber limitierte Evidenz.
Ashwagandha (Withania somnifera)
Mechanismus:
- Withanolide als bioaktive Komponenten
- Modulation der HPA-Achse
- GABAerge Wirkung
- Neuroprotektive Eigenschaften
Evidenzlage: Mehrere RCTs zeigen Reduktion von Angstsymptomen bei chronischem Stress. Eine Metaanalyse (Pratte et al., 2014) berichtet signifikante Angstreduktion gegenüber Placebo.
Dosierung:
- 300-500 mg standardisierter Extrakt (5% Withanolide), zweimal täglich
- Wirkungseintritt nach 2-4 Wochen
Sicherheit:
- Generell gut verträglich
- Kontraindiziert in der Schwangerschaft
- Mögliche Interaktion mit Schilddrüsenmedikamenten
Bewertung: ⭐⭐⭐⭐☆ (4/5) Beste Evidenz unter den Nutrazeutika, aber weiterhin deutlich schwächer als SSRIs.
Zusammenfassung Nutrazeutika:
Während pflanzliche und nutritive Supplemente eine Rolle in der supportiven Behandlung spielen können, erreichen sie nicht die Effektstärken verschreibungspflichtiger Medikamente. Sie sind am ehesten indiziert bei:
- Milden Symptomen
- Patienten mit Kontraindikationen für SSRIs
- Als Ergänzung zur Psychotherapie
- Zur Reduktion von Nebenwirkungen (z.B. Magnesium bei SSRI-induzierter Schlaflosigkeit)
Eine Monotherapie mit Nutrazeutika bei moderater bis schwerer sozialer Angststörung ist wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen.
Absetzsyndrom & Exit-Strategie: Neuroplastische Konsolidierung
Das Discontinuation Syndrome (Absetzsyndrom) bei SSRIs ist real und erfordert strategisches Management:
Pathophysiologie des Absetzsyndroms
Nach monatelanger SSRI-Einnahme hat sich das serotonerge System an die erhöhte synaptische Serotonin-Verfügbarkeit adaptiert:
- Downregulation postsynaptischer 5-HT-Rezeptoren
- Veränderte Serotonin-Synthese-Rate
- Neuroadaptive Veränderungen in nachgeschalteten Signalkaskaden
Ein abruptes Absetzen führt zu einem relativen Serotonin-Defizit, manifestiert als:
Körperliche Symptome:
- “Brain zaps” (elektrische Empfindungen im Kopf)
- Schwindel, Gleichgewichtsstörungen
- Gastrointestinale Beschwerden
- Kopfschmerzen
Psychische Symptome:
- Reizbarkeit, emotionale Labilität
- Schlafstörungen
- Rebound-Angst – temporäre Wiederkehr der Angstsymptome
Evidenzbasiertes Tapering-Protokoll
Grundprinzipien:
- Langsame Dosisreduktion:
- Reduktion um 25% alle 4-6 Wochen (bei stabiler Symptomatik)
- Bei höheren Dosen (z.B. Paroxetin 40 mg) kann schnellere initiale Reduktion möglich sein
- In den letzten 25% besonders langsam vorgehen (höchstes Risiko für Absetz-Symptome)
- Switch auf Fluoxetin bei problematischem Tapering:
- Fluoxetin hat eine lange Halbwertszeit (4-6 Tage)
- “Selbst-Tapering” durch langsamen Abbau
- Strategie: Wechsel auf Fluoxetin-Äquivalenzdosis, dann nach 2 Wochen Stabilisierung direktes Absetzen
- Parallele Intensivierung der Psychotherapie:
- Kritisch: Während des Taperings Expositionsfrequenz erhöhen
- Kognitive Umstrukturierung des Absetzens (“Ich habe die Tools gelernt, ich brauche die Krücke nicht mehr”)
- Aufbau von Selbstwirksamkeit
Das Neuroplastizitäts-Fenster nutzen
Die Phase des Absetzens ist neurobiologisch nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Chance:
SSRIs induzieren neuroplastische Veränderungen im Hippocampus und präfrontalen Kortex. Diese strukturellen Veränderungen bleiben teilweise erhalten, auch wenn die pharmakologische Wirkung nachlässt.
Strategische Exit-Strategie:
- Konsolidierungsphase (6-12 Monate vor Tapering):
- Intensive Expositionstherapie
- Aufbau neuer neuronaler Netzwerke für soziale Kompetenz
- Verhaltensmuster einschleifen
- Tapering-Phase (3-6 Monate):
- Schrittweise Dosisreduktion
- Engmaschiges Monitoring
- Booster-Sitzungen in der Psychotherapie
- Post-Medikations-Phase (12+ Monate):
- Kontinuierliche Selbst-Exposition
- Aufrechterhaltung der erworbenen Fähigkeiten
- Bei Bedarf: kurzzeitige Wiederaufnahme niedriger Dosen (keine Schande!)
Rezidiv-Prävention:
Studien zeigen, dass Patienten, die nach 12-20 Wochen SSRI-Behandlung absetzen, ein höheres Rückfallrisiko haben als jene, die die Medikation fortsetzen. Jedoch: Dieser Unterschied verschwindet bei Patienten, die parallel eine strukturierte kognitive Verhaltenstherapie absolviert haben.
Fazit: Medikamente sind temporär, neuroplastische Veränderungen durch Therapie sind dauerhaft.
Zukunftsperspektiven: Pharmakologie 2026 und darüber hinaus
Augmentationsstrategien bei Therapieresistenz
Für die 30-40% der Patienten, die nicht ausreichend auf SSRI-Monotherapie ansprechen:
- D-Cycloserin (DCS):
- NMDA-Rezeptor-Partial-Agonist
- Verstärkung des Extinktionslernens in der Expositionstherapie
- Dosierung: 50 mg, 1 Stunde vor Expositionssitzung
- Evidenz: Moderate Effektstärken in Metaanalysen
- Pregabalin-Augmentation:
- Kombination SSRI + Pregabalin bei SSRI-Partial-Respondern
- Additive Mechanismen
- Psychedelika-unterstützte Psychotherapie (experimentell):
- Psilocybin, MDMA in klinischen Studien
- Induktion massiver Neuroplastizität
- Aktuell nicht außerhalb klinischer Studien verfügbar
Personalisierte Medizin: Biomarker-gesteuerte Therapie
Neuroimaging-Biomarker zeigen Potenzial zur Vorhersage des Therapieansprechens: Patienten mit höherer basaler Amygdala-Reaktivität sprechen tendenziell besser auf SSRIs an.
Zukünftige Entwicklungen:
- Pharmakogenetisches Profiling (CYP450-Genotypisierung)
- fMRI-basierte Prädiktion des optimalen Medikaments
- Individualisierte Dosierungsalgorithmen
Schlussfolgerung: Die Integration von Pharmakologie und Verhaltensänderung
Stand Januar 2026 ist die evidenzbasierte Behandlungsempfehlung für moderate bis schwere soziale Angststörung eindeutig:
Die höchste Erfolgsrate wird erzielt durch:
- Pharmakologische Intervention (SSRI/SNRI):
- Reduktion der Amygdala-Hyperreaktivität
- Schaffung eines neuroplastischen Fensters
- Ermöglichung von Exposition trotz initialer Angst
- Intensive kognitive Verhaltenstherapie:
- Systematische Exposition
- Kognitive Umstrukturierung
- Aufbau sozialer Kompetenzen
- Strukturelle neuronale Reorganisation
- Strategisches Tapering:
- Nach 12-24 Monaten kombinierter Behandlung
- Während intensivierter therapeutischer Unterstützung
- Mit dem Ziel der medikamentenfreien Remission
Die wissenschaftliche Realität ist klar: Medikamente sind ein Werkzeug, kein Heilmittel. Die wahre Heilung geschieht in den Synapsen, durch wiederholte Exposition, durch das mutige Betreten angstbesetzter Situationen – zunächst mit der pharmakologischen “Krücke”, letztendlich auf eigenen neurologischen “Beinen”.
Das Anxiety Solve™ Protokoll integriert diese Erkenntnisse in ein systematisches, evidenzbasiertes Trainingsprogramm. Denn die Zukunft der Angstbehandlung liegt nicht in stärkeren Pillen, sondern in der gezielten Nutzung der inhärenten Neuroplastizität des menschlichen Gehirns.
Literatur & Referenzen
- Mayo-Wilson, E., et al. (2014). Psychological and pharmacological interventions for social anxiety disorder in adults: A systematic review and network meta-analysis. The Lancet Psychiatry, 1(5), 368-376.
- Faria, V., et al. (2012). Amygdala subregions tied to SSRI and placebo response in patients with social anxiety disorder. Neuropsychopharmacology, 37(10), 2222-2232.
- Faria, V., et al. (2014). Amygdala-frontal couplings characterizing SSRI and placebo response in social anxiety disorder. International Journal of Neuropsychopharmacology, 17(8), 1149-1157.
- Furmark, T., Wahlstedt, K., & Faria, V. (2025). Revisiting the SSRI vs. placebo debate in the treatment of social anxiety disorder: the role of expectancy effects, neural responsivity, and monoamine transporters. Frontiers in Psychology, 16, 1531725.
- Månsson, K. N. T., et al. (2016). Neuroplasticity in response to cognitive behavior therapy for social anxiety disorder. Translational Psychiatry, 6(2), e727.
- Bandelow, B., Michaelis, S., & Wedekind, D. (2017). Treatment of anxiety disorders. Dialogues in Clinical Neuroscience, 19(2), 93-107.
- American Psychological Association (2018). Clinical Practice Guideline for the Treatment of Posttraumatic Stress Disorder.
- World Health Organization (2019). Mental disorders: Fact sheets.
- Buoli, M., et al. (2023). New frontiers in the pharmacological treatment of social anxiety disorder in adults: an up-to-date comprehensive overview. Expert Opinion on Pharmacotherapy, 24(2), 137-148.
- Papola, D., et al. (2024). Psychotherapies for generalized anxiety disorder in adults: A systematic review and network meta-analysis of randomized clinical trials. JAMA Psychiatry, 81(3), 250-259.
- Huang, C., et al. (2025). Psychosocial interventions for anxiety disorders in adults: evidence mapping and guideline appraisal. Frontiers in Psychiatry, 16, 1677705.
- Duman, R. S., et al. (2001). How antidepressant drugs act: A primer on neuroplasticity as the eventual mediator of antidepressant efficacy. Indian Journal of Psychiatry, 53(2), 172-178.
Für weitere Informationen:
- Symptome der sozialen Angststörung
- Therapieansätze bei sozialer Angst
- Umgang mit Angst in sozialen Situationen
Hinweis: Dieser Bericht wurde auf Basis der aktuellsten verfügbaren wissenschaftlichen Literatur (Stand Januar 2026) erstellt. Medizinische Entscheidungen sollten stets in Absprache mit qualifiziertem medizinischem Fachpersonal getroffen werden.
© 2026 Anxiety Solve | James Holloway, Lead Researcher
