ängstlich-vermeidende persönlichkeitsstörung

Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung (ÄVPS): Klinische Abgrenzung, Diagnose und Behandlung

Redaktionsteam Soziale Angst | sozialeangst.com | Klinisch geprüft, Stand 2026

Zusammenfassung

Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung beschreibt klinisch ein stabiles, pervasives Muster sozialer Gehemmtheit und Gefühle von Unzulänglichkeit gemäß DSM-5-TR 301.82. Im Gegensatz zur situativen Sozialphobie nach ICD-11 (6B04) betrifft sie die gesamte Persönlichkeitsstruktur und Identität. Die klinische Diagnose erfordert den Nachweis chronischer Hypersensibilität gegenüber Kritik und weitreichende funktionale Beeinträchtigungen in multiplen Lebensbereichen durch tief sitzende Schemata der Defektivität und Scham.

Nosologische Verortung: DSM-5-TR, ICD-10 und ICD-11

Kaum eine diagnostische Grenzziehung in der klinischen Psychologie ist so konsistent umstritten und gleichzeitig so klinisch bedeutsam wie jene zwischen der sozialen Angststörung (SAD) und der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung. Die Verwechslung beider Störungsbilder ist in der klinischen Praxis nicht die Ausnahme, sondern die Regel – mit direkten therapeutischen Konsequenzen, auf die wir weiter unten eingehen.

Im DSM-5-TR ist die soziale Angststörung unter den Angststörungen klassifiziert (300.23), während die ÄVPS zum Cluster C der Persönlichkeitsstörungen gehört (301.82). Diese kategoriale Trennung impliziert eine qualitative Verschiedenheit: Die SAD ist eine episodische Störung mit grundsätzlicher Behandelbarkeit in klar definierten Zeitrahmen, während die ÄVPS ein stabiles, pervasives und ich-syntones Muster darstellt, das die gesamte Persönlichkeitsstruktur durchdringt.

Im ICD-11 hat sich die Konzeptualisierung der Persönlichkeitsstörungen grundlegend gewandelt. Das dimensionale Modell beschreibt Persönlichkeitsstörungen nicht mehr als diskrete kategoriale Entitäten, sondern als Schweregrade einer allgemeinen Persönlichkeitspathologie, modifiziert durch spezifische Stile und Domänen. Was im DSM-5-TR als ÄVPS klassifiziert wird, entspricht im ICD-11 am ehesten einer Persönlichkeitsstörung mit dem Qualifikator „ängstlich“, kombiniert mit Merkmalen der Domäne „Distanziertheit“. Diese konzeptuelle Verschiebung befördert eine dimensionale Betrachtungsweise, in der SAD und ÄVPS als Punkte auf einem gemeinsamen Kontinuum verstanden werden können – eine Hypothese, die in der Forschungsliteratur erheblich diskutiert wird.

Die genaue diagnostische Einordnung nach ICD-10 und die Abgrenzung der relevanten Diagnosecodes erklärt unser Artikel zur sozialen Angst nach ICD-10 (https://sozialeangst.com/soziale-angst-icd-10/).

Soziale Phobie vs. ÄVPS: Der entscheidende klinische Unterschied

Die Komorbidität beider Störungen wird in der Literatur mit einer Häufigkeit von bis zu 56 Prozent angegeben. Die symptomatische Überlappung ist substanziell: Beide Störungen präsentieren sich mit sozialem Vermeidungsverhalten, Angst vor negativer Bewertung und ausgeprägter Symptombelastung in sozialen Kontexten. Und dennoch sind sie in ihrem Kernmechanismus fundamental verschieden.

Das Selbstkonzept als diagnostisches Kernkriterium

Wenn man die Differentialdiagnose auf eine einzige klinische Variable reduzieren müsste, die die größte diagnostische Trennschärfe aufweist, wäre es diese: die Struktur des Selbstkonzepts in Bezug auf soziale Identität.

Bei der sozialen Angststörung ist der aufrechterhaltende Mechanismus primär situationsbezogen und evaluativ. Der Patient mit SAD fürchtet bestimmte Situationen oder Situationsklassen – was in ihnen passieren könnte, wie er sich verhalten könnte, ob seine Angst sichtbar wird. Dieses Befürchten ist zukunftsorientiert und situationsspezifisch. Außerhalb gefürchteter Situationen kann der Patient ein relativ stabiles, positives Selbstbild aufrechterhalten. Das Problem, so erlebt er es selbst, ist die Angst – nicht er selbst.

Bei der ÄVPS ist die Situation fundamental anders. Der Patient leidet nicht primär unter der Angst vor dem, was in sozialen Situationen passieren könnte: Er leidet unter der Überzeugung, wer er ist. Die Kernannahme lautet nicht „ich könnte mich in dieser Situation schlecht verhalten“, sondern „ich bin grundlegend unzulänglich, nicht liebenswert, schlechter als andere“. Das Vermeidungsverhalten dient nicht der Prävention einer peinlichen Situation, sondern dem Schutz vor der Bestätigung einer schon geglaubten Wahrheit über das Selbst.

Jeffrey Young, der Begründer der Schematherapie, hat diese Struktur als das Schema der Defektivität und Scham beschrieben: die tiefe, häufig präverbale Überzeugung, dass man im Kern fehlerhaft oder unzulänglich ist, und dass diese Wahrheit, wenn sie anderen bekannt würde, zu Ablehnung führen müsste. Scham – als Emotion, die sich auf das gesamte Selbst richtet – ist das affektive Kennzeichen der ÄVPS und unterscheidet sie von der Verlegenheit, die typisch für die SAD ist. Verlegenheit ist episodisch und situationsbezogen. Scham ist global und identitätsbezogen.

Im klinischen Interview lässt sich dies direkt operationalisieren. Wenn ein Patient auf die Frage, warum er soziale Situationen meidet, antwortet „weil ich Angst habe, etwas Falsches zu sagen“ – spricht das für SAD. Wenn er antwortet „weil ich nicht weiß, warum irgendjemand mit mir zusammen sein wollen würde“ – spricht das für ÄVPS. Die erste Aussage ist eine Vorhersage über ein Verhalten. Die zweite ist eine Aussage über den Wert der eigenen Person.

Symptome und Anzeichen der ÄVPS nach DSM-5-TR

Das DSM-5-TR definiert die ÄVPS durch sieben diagnostische Kriterien, von denen mindestens vier erfüllt sein müssen. Sie beschreiben ein pervasives Muster, das sich in der frühen Erwachsenenphase manifestiert und in verschiedenen Lebensbereichen zum Ausdruck kommt.

Betroffene meiden berufliche Aktivitäten, die bedeutsamen zwischenmenschlichen Kontakt erfordern, aus Angst vor Kritik, Missbilligung oder Ablehnung. Sie sind nur bereit, mit Menschen in Kontakt zu treten, bei denen sie sicher sind, gemocht zu werden. In engen Beziehungen zeigen sie Zurückhaltung, weil sie Angst haben, beschämt oder lächerlich gemacht zu werden. Sie sind gedanklich stark damit beschäftigt, in sozialen Situationen kritisiert oder abgelehnt zu werden. Sie sind in neuen sozialen Situationen gehemmt, weil sie sich unzulänglich fühlen. Sie betrachten sich selbst als gesellschaftlich ungeschickt, persönlich unattraktiv oder anderen Menschen gegenüber minderwertig. Sie zögern außergewöhnlich stark, persönliche Risiken einzugehen oder sich in neue Aktivitäten zu engagieren, weil dies peinlich sein könnte.

Das diagnostisch entscheidende Merkmal ist die Pervasivität: Diese Muster sind nicht situationsspezifisch, sondern durchdringen das gesamte Beziehungs- und Berufsleben der betroffenen Person. Sie sind ich-synton – das bedeutet, die Betroffenen erleben sie oft nicht als Symptome, sondern als Ausdruck dessen, wer sie sind, was die Behandlungsmotivation erheblich erschwert.

ÄVPS und Sexualität: Die Angst vor dem Entdecktwerden

Die Auswirkungen der ÄVPS auf Intimität und Sexualität sind einer der am häufigsten unterschätzten Aspekte der Störung – und einer der klinisch bedeutsamsten. Für Betroffene ist eine intime Beziehung nicht nur eine Quelle potentieller Ablehnung, sondern das Szenario, in dem die Entdeckung der eigenen Unzulänglichkeit am wahrscheinlichsten und am schmerzhaftesten erscheint.

Das Kernszenario ist charakteristisch: Wenn ein Partner mich wirklich kennenlernt – meinen Körper, meine Gedanken, meine Unzulänglichkeiten – wird er oder sie sehen, was ich wirklich bin, und mich verlassen. Intimität wird dadurch zu einem Hochrisikoszenario, das vermieden, verzögert oder durch permanente Kontrolle des eigenen Selbstausdrucks entschärft werden muss. Viele Betroffene entwickeln sexuelle Hemmungen, die nicht primär aus körperschambasierten Gründen entstehen, sondern aus der Angst, in einem Moment körperlicher und emotionaler Exposition endgültig als unzulänglich erkannt zu werden.

Diese Dynamik belastet Beziehungen auf eine Weise, die dem Partner häufig unverständlich erscheint: Die betroffene Person wirkt distanziert oder emotional unverfügbar, nicht aus Desinteresse, sondern aus Schutz. Rückzug ist keine Ablehnung des Partners, sondern Prävention der antizipierten Ablehnung durch den Partner. Mehr zu den spezifischen Herausforderungen in Partnerschaften mit sozialer Angst findet sich in unserem Artikel zu Partner und sozialer Phobie (https://sozialeangst.com/partner-soziale-phobie/).

Die extreme Ablehnungsempfindlichkeit, die in intimen Kontexten besonders virulent wird, zeigt erhebliche Überschneidungen mit dem Phänomen der Rejection Sensitive Dysphoria, das wir ausführlich in unserem Artikel zu RSD (https://sozialeangst.com/rejection-sensitive-dysphoria/) beschreiben.

Ursachen: Temperament, Bindung und relationales Trauma

Die Entstehung einer ÄVPS ist multifaktoriell und lässt sich auf ein Zusammenwirken von biologischer Vulnerabilität und frühen relationalen Erfahrungen zurückführen.

Temperament und Verhaltenshemmung

Die biologische Grundlage ist wahrscheinlich im Temperamentsmerkmal der Verhaltenshemmung verankert – einem Konstrukt, das Jerome Kagan in seiner Längsschnittforschung mit Kindern beschrieben hat. Verhaltenshemmung bezeichnet eine erhöhte autonome Reaktivität auf neuartige Reize, insbesondere soziale Reize, die sich bereits im frühen Kindesalter als Vorsicht, Schüchternheit und Rückzug in unbekannten Situationen manifestiert. Zwillingsstudien zeigen eine substantielle heritabile Komponente sowohl für Verhaltenshemmung als auch für die spätere Entwicklung sozialer Angststörungen und ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsmerkmale. Das Temperament allein erklärt jedoch nicht die Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung – es ist die Interaktion mit dem relationalen Umfeld, die entscheidend ist.

Relationales Trauma und Bindungserfahrungen

In der klinischen Biografie von ÄVPS-Patienten finden sich konsistent bestimmte Erfahrungsmuster: anhaltende Kritik oder emotionale Ablehnung durch primäre Bezugspersonen, Hänseleien oder soziale Ausgrenzung durch Gleichaltrige, Erfahrungen von Beschämung in sozialen oder familiären Kontexten, und eine Bindungsgeschichte, in der emotionale Sicherheit und Akzeptanz nicht verlässlich verfügbar waren.

Diese Erfahrungen sind nicht notwendigerweise traumatisch im klinischen Sinne dramatischer Einzelereignisse. Häufiger sind es kumulative Erfahrungen subtiler, wiederholter Botschaften der Unzulänglichkeit – „du bist zu empfindlich“, „du bist peinlich“, „warum kannst du nicht einfach normal sein“ – die sich über Jahre hinweg zu einem stabilen Schema der Defektivität und Scham konsolidieren.

Neuronale Signaturen: Was im Gehirn anders ist

Auf neurobiologischer Ebene unterscheiden sich SAD und ÄVPS nicht nur klinisch, sondern auch zerebral in relevanten Verarbeitungsmustern.

Für die SAD ist die neuronale Signatur gut etabliert: Hyperaktivierung der Amygdala in Antwort auf soziale Bedrohungsreize, kombiniert mit reduzierter präfrontaler Regulationskapazität. Dieses Muster ist konsistent mit einer situationsspezifischen, trigger-abhängigen Verarbeitung.

Bei der ÄVPS zeigt die verfügbare Forschung ein qualitativ erweitertes Muster. Neben der Amygdala-Hyperreaktivität weisen Patienten mit ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitszügen eine stärker ausgeprägte und weniger situationsspezifische Aktivierung des Default Mode Network (DMN) auf – jenes Netzwerks, das maßgeblich an selbstreferenzieller Verarbeitung beteiligt ist. Die erhöhte DMN-Aktivierung ist das neurobiologische Korrelat des „Core Sense of Inadequacy“: Die selbstreferenzielle Verarbeitung ist nicht nur bei Konfrontation mit spezifischen sozialen Stimuli erhöht – sie ist chronisch erhöht, auch in Abwesenheit expliziter Bedrohungsreize. Das Gehirn ist permanent damit beschäftigt, das Selbst in sozialen Kontexten zu evaluieren und die erwartete Ablehnung zu antizipieren.

Zusätzlich zeigen Studien eine stärkere Aktivierung der anterioren Insula in Reaktion auf antizipierte soziale Ablehnung – einer Struktur, die in der Verarbeitung sowohl physischen als auch sozialen Schmerzes eine zentrale Rolle spielt. Für ÄVPS-Patienten ist die Antizipation von Ablehnung damit nicht nur kognitiv unangenehm, sondern physisch schmerzhaft erlebt.

Diagnostische Instrumente: Möglichkeiten und Grenzen

In der klinischen Praxis ist die Liebowitz Social Anxiety Scale (LSAS) das am häufigsten verwendete Instrument zur Quantifizierung sozialer Angst. Patienten mit ÄVPS erzielen in der LSAS konsistent höhere Gesamtscores als Patienten mit isolierter SAD – Studien berichten Durchschnittswerte von über 90 Punkten bei ÄVPS im Vergleich zu 60 bis 70 bei SAD ohne Persönlichkeitsstörung. Dieser quantitative Unterschied allein ist jedoch für die Diagnose einer ÄVPS nicht ausreichend und kann die klinisch entscheidende qualitative Differenz in der Selbstkonzeptstruktur nicht abbilden.

Die definitive Diagnose einer ÄVPS erfordert ein strukturiertes klinisches Interview, das explizit auf die Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen ausgerichtet ist – insbesondere das Strukturierte Klinische Interview für DSM-Persönlichkeitsstörungen (SKID-II in der deutschen Version) und das International Personality Disorder Examination (IPDE). Diese Interviews erfassen nicht nur das Vorhandensein von Symptomen, sondern auch ihre zeitliche Stabilität, ihre pervasive Ausprägung über verschiedene Lebensbereiche und ihre ich-syntone Qualität.

Ergänzend bieten Schemafragebögen wie der Young Schema Questionnaire (YSQ) wertvolle Informationen über die Kernschemata der ÄVPS – insbesondere die Schemata der Defektivität und Scham, der sozialen Isolation und der emotionalen Entbehrung.

Ist ÄVPS heilbar? Therapieoptionen und realistische Prognose

Die Frage der Heilbarkeit ist klinisch nuanciert zu beantworten: Eine vollständige Remission im Sinne einer Auflösung aller Persönlichkeitsmerkmale ist selten. Was durch evidenzbasierte Therapie erreichbar ist, ist eine substantielle Reduktion des Leidensdrucks, eine Erweiterung des Verhaltensrepertoires und – bei erfolgreicher Schemaarbeit – eine fundamentale Veränderung der Selbstwahrnehmung. Für viele Betroffene bedeutet das eine qualitative Transformation ihres sozialen und beruflichen Lebens.

Schematherapie: Der am besten evidenzbasierte Ansatz für ÄVPS

Die Schematherapie von Young et al. ist derzeit der am besten evidenzbasierte Ansatz für die Behandlung der ÄVPS. Sie kombiniert kognitiv-verhaltenstherapeutische Techniken mit Elementen der Gestalttherapie, Bindungstheorie und psychodynamischer Arbeit, um die Kernschemata direkt zu adressieren. Die therapeutische Beziehung spielt dabei eine qualitativ andere Rolle als in der Standard-KVT: Sie wird explizit als „Limited Reparenting“ konzeptualisiert – als korrigierende emotionale Erfahrung, in der der Therapeut die konsistente Erfahrung von Akzeptanz, Wärme und Verlässlichkeit bereitstellt, die in der frühen Bindungsgeschichte gefehlt hat. Schemata verändern sich nicht durch Einsicht allein, sondern durch wiederholte emotionale Erfahrungen, die die schematische Vorhersage widerlegen.

KVT: Notwendig, aber nicht hinreichend

Für die soziale Angststörung ohne komorbide ÄVPS hat die kognitive Verhaltenstherapie die stärkste Evidenzbasis. Standardprotokolle wie das von Clark und Wells entwickelte Modell erzielen in randomisierten kontrollierten Studien Response-Raten von 50 bis 70 Prozent. Die Expositionstherapie – das graduelle Aufsuchen gefürchteter sozialer Situationen – ist das Kernwerkzeug.

Für die ÄVPS ist dieses Modell notwendig, aber nicht hinreichend. Es adressiert die Symptomoberfläche, ohne die Schemaarchitektur zu erreichen, aus der diese Symptome emergieren. Expositionsübungen bei ÄVPS-Patienten, die nicht in einem Kontext durchgeführt werden, der die schematische Verarbeitung aktiv adressiert, produzieren häufig partielle Erfolge: Der Patient betritt die gefürchtete Situation, erlebt keine katastrophalen Konsequenzen – und erlebt trotzdem keine dauerhafte Verbesserung, weil das Schema der Defektivität durch eine einzelne positive Erfahrung nicht modifiziert wird.

DBT und ACT als ergänzende Verfahren

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) hat Relevanz für die Behandlung der ÄVPS, insbesondere in den Modulen zur Emotionsregulation und Distresstoleranz. Die Acceptance and Commitment Therapy (ACT) bietet mit ihrer Betonung psychologischer Flexibilität und wertorientierter Verhaltensaktivierung einen Zugang, der für ÄVPS-Patienten besonders relevant ist: Sie zielt nicht auf die Beseitigung der Angstsymptome, sondern auf die Entwicklung einer flexibleren Beziehung zu ihnen, die wertorientiertes Handeln trotz ihrer Anwesenheit ermöglicht.

Zeitliche Erwartungen

Die therapeutischen Zeitrahmen unterscheiden sich erheblich. Während SAD-Protokolle typischerweise 12 bis 20 Sitzungen umfassen, erfordert die Behandlung einer ÄVPS in der Regel mehrjährige therapeutische Arbeit. Persönlichkeitsstrukturen, die sich über Jahrzehnte entwickelt haben und durch vielfältige Lebenserfahrungen konsolidiert wurden, lassen sich nicht in wenigen Monaten reorganisieren. Das Erwartungsmanagement ist deshalb eine klinische Aufgabe von erheblicher Bedeutung: Wer nach zwanzig Sitzungen keine vollständige Remission erfahren hat, sollte nicht die Therapie als gescheitert bewerten, sondern den Prozess als fortschreitend verstehen – und anerkennen, dass partielle Fortschritte bei einer Persönlichkeitsstörung klinisch erhebliche Verbesserungen im Alltagsleben bedeuten können.

Die S3-Leitlinien für Angststörungen (AWMF-Registernummer 051-028) geben Orientierung zur evidenzbasierten Behandlung sozialer Angststörungen, die auch für die komorbide Behandlung von SAD und ÄVPS relevant sind.

Abgrenzung zu anderen Störungsbildern

Die Abgrenzung zur Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) verdient besondere Aufmerksamkeit, weil beide Störungen Hypersensibilität gegenüber Ablehnung als Kernmerkmal teilen. Der entscheidende Unterschied liegt in der Reaktion auf drohende Ablehnung: Patienten mit BPS reagieren mit impulsiven, oft selbstschädigenden oder beziehungsdestabilisierenden Verhaltensweisen – aus dem verzweifelten Bedürfnis, die Verbindung aufrechtzuerhalten. Patienten mit ÄVPS reagieren auf dieselbe Bedrohung mit Rückzug und Vermeidung – aus dem Bestreben, die Konfrontation mit der erwarteten Ablehnung zu verhindern. Diese unterschiedliche Verhaltensorganisation spiegelt verschiedene Bindungsstile und regulatorische Strategien wider, die klinisch präzise erfasst werden müssen.

Bei der ÄVPS ist die komorbide Depression häufig schemabasiert: nicht primär die Konsequenz verpasster sozialer Möglichkeiten, sondern ein Ausdruck der chronischen Überzeugung von Unzulänglichkeit und Wertlosigkeit. Das depressive Kognitionsmuster ist in diesem Fall nicht sekundär zur sozialen Angst, sondern mit ihr verwoben als Ausdruck desselben dysfunktionalen Schemas.

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen sozialer Phobie und der Ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung?

Die Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung unterscheidet sich von der sozialen Phobie durch ihre Pervasivität; sie betrifft laut DSM-5-TR alle Lebensbereiche global und ist durch eine chronische Identität der Minderwertigkeit geprägt, während die Sozialphobie meist situative Performance-Ängste beschreibt.

Wie wird die Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung klinisch behandelt?

Gemäß der S3-Leitlinie erfordert eine Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung intensivere Verfahren wie die Schematherapie, da klassische Konfrontationsübungen ohne Bearbeitung der zugrunde liegenden Kernüberzeugungen von Defektivität oft keine langfristige Remission ermöglichen.

Welche Symptome definieren die Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung im DSM-5-TR?

Zu den Kriterien für eine Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung zählen die Vermeidung beruflicher Kontakte aus Kritikangst, eine extreme Zurückhaltung in Intimbeziehungen aus Schamgefühl sowie die feste Überzeugung, sozial unbeholfen oder anderen unterlegen zu sein.

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Dieser Artikel wurde vom Redaktionsteam Soziale Angst erstellt und klinisch geprüft. Die Inhalte dienen der psychoedukativen Aufklärung und ersetzen keine individuelle Diagnose oder Behandlung. Für die Differentialdiagnose zwischen sozialer Angststörung und ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsstörung wird die Durchführung eines strukturierten klinischen Interviews durch einen approbierten Psychotherapeuten oder Psychiater empfohlen.

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