Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung (ÄVPS) vs. Soziale Phobie: Eine klinische Abgrenzung
Einleitung: Eine der umstrittensten Grenzen der Psychopathologie
Kaum eine diagnostische Grenzziehung in der klinischen Psychologie und Psychiatrie ist so konsistent umstritten, so klinisch bedeutsam und gleichzeitig so häufig vernachlässigt wie jene zwischen der sozialen Phobie — klinisch als soziale Angststörung (SAD) bezeichnet — und der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung (ÄVPS), im englischsprachigen Raum als Avoidant Personality Disorder (AvPD) bekannt.
Die Verwechslung beider Störungsbilder ist in der klinischen Praxis nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Sie hat nachvollziehbare Gründe: Beide Störungen präsentieren sich mit sozialem Vermeidungsverhalten, mit Angst vor negativer Bewertung, mit Rückzug aus interpersonellen Situationen und mit einer ausgeprägten Symptombelastung in sozialen Kontexten. In der Fremdwahrnehmung — und häufig auch in der Selbstwahrnehmung der Betroffenen — sind sie kaum zu unterscheiden. Wer sich in Gesellschaft unwohl fühlt, Einladungen ablehnt und unter der Vorstellung leidet, negativ beurteilt zu werden, könnte eine soziale Phobie haben. Er könnte aber auch eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung haben. Und er könnte beides gleichzeitig haben — eine Komorbidität, die in der Literatur mit einer Häufigkeit von bis zu 56 Prozent angegeben wird.
Diese diagnostische Unschärfe hat direkte therapeutische Konsequenzen. Die soziale Angststörung und die ÄVPS erfordern unterschiedliche Therapieansätze, unterschiedliche zeitliche Rahmungen, unterschiedliche Zielebenen und — was klinisch vielleicht am bedeutsamsten ist — eine grundlegend verschiedene therapeutische Beziehungsgestaltung. Wer eine ÄVPS mit den Standardprotokollen für soziale Angststörungen behandelt, wird partielle Erfolge erzielen und häufige Rückfälle erleben, ohne zu verstehen, warum. Wer eine soziale Angststörung mit tiefenpsychologischen Langzeitverfahren behandelt, die für ÄVPS konzipiert wurden, riskiert eine Übertherapierung und eine unnötige Verlängerung des Leidens.
Dieser Artikel leistet eine präzise klinische Abgrenzung beider Störungsbilder auf der phänomenologischen, neurobiologischen und therapeutischen Ebene.
1. Nosologische Verortung: DSM-5, ICD-11 und die Frage der kategorialen Trennung
Im DSM-5 ist die soziale Angststörung unter den Angststörungen klassifiziert (300.23), während die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung zum Cluster C der Persönlichkeitsstörungen gehört (301.82). Diese kategoriale Trennung — Angststörung auf der einen, Persönlichkeitsstörung auf der anderen Seite — impliziert eine qualitative Verschiedenheit beider Konstrukte: Die SAD ist eine episodische Störung mit definiertem Beginn und grundsätzlicher Behandelbarkeit, während die ÄVPS ein stabiles, pervasives und ich-syntones Muster darstellt, das die gesamte Persönlichkeitsstruktur durchdringt.
Im ICD-11 hat sich die Konzeptualisierung der Persönlichkeitsstörungen grundlegend gewandelt. Das dimensionale Modell des ICD-11 beschreibt Persönlichkeitsstörungen nicht mehr als diskrete kategoriale Entitäten, sondern als Schweregrade einer allgemeinen Persönlichkeitspathologie, modifiziert durch spezifische Persönlichkeitsstile oder Domänen. Was im DSM-5 als ÄVPS klassifiziert wird, entspricht im ICD-11 am ehesten einer Persönlichkeitsstörung mit dem Qualifikator “ängstlich”, der eine hohe Übereinstimmung mit dem Neurotizismusdimension des Fünf-Faktoren-Modells aufweist, kombiniert mit Merkmalen der Domäne “Distanziertheit” — entsprechend sozialer Inhibition und emotionaler Kälte als Schutzreaktion.
Diese konzeptuelle Verschiebung im ICD-11 hat eine wichtige klinische Implikation: Sie erschwert die scharfe kategoriale Trennung zwischen SAD und ÄVPS weiter und befördert eine dimensionale Betrachtungsweise, in der beide Störungen als Punkte auf einem gemeinsamen Kontinuum verstanden werden können. Ob diese Kontinuumshypothese klinisch produktiv oder wissenschaftlich korrekt ist, ist eine der zentralen Kontroversen im Feld.
2. Die Kontinuumshypothese: Dasselbe in verschiedenen Schweregraden?
Die Kontinuumshypothese, wonach SAD und ÄVPS Varianten desselben Grundkonstrukts in verschiedenen Intensitätsstufen darstellen, hat in der Forschungsliteratur eine erhebliche empirische Unterstützung erfahren. Die Argumente, die sie stützen, sind gewichtig und verdienen eine ernsthafte Betrachtung.
Genetische Untersuchungen zeigen eine substantielle Überlappung der heritablen Komponenten beider Störungen. Zwillingsstudien, die SADund ÄVPS parallel erfassen, finden gemeinsame genetische Faktoren, die plausibel machen, dass beide Störungen eine geteilte biologische Vulnerabilität exprimieren. Diese Vulnerabilität ist wahrscheinlich im Temperamentsmerkmal der Verhaltenshemmung verankert — einem Konstrukt, das Jerome Kagan in seiner Längsschnittforschung mit Kindern beschrieben hat und das eine erhöhte autonome Reaktivität auf neuartige Reize, insbesondere soziale Reize, umfasst. Verhaltenshemmung in der Kindheit ist einer der robustesten Prädiktoren sowohl für die Entwicklung einer sozialen Angststörung als auch für ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsmerkmale im Erwachsenenalter.
Phänomenologisch teilen beide Störungen die Kernmerkmalstruktur der Angst vor negativer Bewertung, des sozialen Vermeidungsverhaltens und der interpersonellen Inhibition. Symptomskalen wie die Liebowitz Social Anxiety Scale (LSAS), auf die wir weiter unten näher eingehen werden, zeigen bei Patienten mit ÄVPS konsistent höhere Gesamtscores als bei Patienten mit isolierter SAD, was die Interpretation unterstützt, dass die ÄVPS das schwerere Ende eines gemeinsamen Spektrums repräsentiert.
Dennoch gibt es überzeugende Argumente gegen eine reine Kontinuumsbetrachtung, die sich auf qualitative Unterschiede stützen, die durch eine reine Schweregradperspektive nicht erfasst werden. Das entscheidende Argument ist klinisch-phänomenologisch und betrifft die Struktur des Selbstkonzepts — den Punkt, an dem SAD und ÄVPS sich am fundamentalsten unterscheiden.
3. Das Selbstkonzept als diagnostisches Kernkriterium
Wer die Differentialdiagnose zwischen SAD und ÄVPS auf eine einzige klinische Variable reduzieren müsste, die die größte diagnostische Trennschärfe aufweist, sollte diese Variable wählen: die Struktur des Selbstkonzepts des Patienten in Bezug auf seine soziale Identität.
Bei der sozialen Angststörung ist der Mechanismus, der die Symptomatik aufrecht erhält, primär situationsbezogen und evaluativ. Der Patient mit SAD fürchtet bestimmte Situationen oder Situationsklassen. Er fürchtet, was in diesen Situationen passieren könnte: dass er zittern, erröten oder stammeln könnte, dass seine Angst sichtbar werden könnte, dass er etwas Peinliches sagen könnte, dass er negativ bewertet werden könnte. Dieses Befürchten ist zukunftsorientiert und situationsspezifisch. Außerhalb der gefürchteten Situationen — oder in Kontexten, in denen keine Bewertung droht — kann der Patient mit SAD ein relativ stabiles und positives Selbstbild aufrechterhalten. Er weiß, dass er Qualitäten hat. Er weiß, dass ihn Menschen mögen. Das Problem, so erlebt er es selbst, ist die Angst — nicht er selbst.
Bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung ist die Situation fundamental anders. Der Patient mit ÄVPS leidet nicht primär unter der Angst vor dem, was in sozialen Situationen passieren könnte: Er leidet unter der Überzeugung, wer er ist. Die Kernannahme, die das klinische Bild der ÄVPS organisiert, ist nicht “ich könnte mich in dieser Situation schlecht verhalten”, sondern “ich bin grundlegend unzulänglich, nicht liebenswert, schlechter als andere”. Das Vermeidungsverhalten dient nicht der Prävention einer peinlichen Situation: Es dient dem Schutz vor der Bestätigung einer schon geglaubten Wahrheit über das Selbst.
Jeffrey Young, der Begründer der Schematherapie, hat diese Struktur als das Schema der “Defektivität und Scham” (Defectiveness/Shame) beschrieben: die tiefe, häufig präverbale Überzeugung, dass man im Kern fehlerhaft, minderwertig oder unzulänglich ist, und dass diese Wahrheit, wenn sie anderen bekannt würde, zu Ablehnung und Liebesentzug führen müsste. Scham — als Emotion, die sich auf das gesamte Selbst richtet, nicht auf ein spezifisches Verhalten — ist das affektive Kennzeichen der ÄVPS und unterscheidet sie vom Verlegenheitsgefühl, das typisch für die SAD ist. Verlegenheit ist episodisch und situationsbezogen. Scham ist global und identitätsbezogen.
Diese Unterscheidung hat im klinischen Interview eine direkte Operationalisierung. Wenn ein Patient auf die Frage, warum er soziale Situationen meidet, antwortet: “Weil ich Angst habe, etwas Falsches zu sagen” — spricht das für SAD. Wenn er antwortet: “Weil ich nicht weiß, warum irgendjemand mit mir zusammen sein wollen würde” — spricht das für ÄVPS. Die erste Aussage ist eine Vorhersage über ein Verhalten in einer Situation. Die zweite ist eine Aussage über den Wert der eigenen Person.
4. Diagnostische Instrumente: LSAS, strukturiertes Interview und ihre Grenzen
In der klinischen Praxis und in der Forschung ist die Liebowitz Social Anxiety Scale (LSAS) das am häufigsten verwendete Instrument zur Quantifizierung der sozialen Angst. Der Soziale Angst Test erfasst auf 24 Items Angst und Vermeidung in Leistungs- und Interaktionssituationen und produziert einen Gesamtscore, der gut validierte Cut-off-Werte für verschiedene Schweregrade der sozialen Angst aufweist.
Die LSAS ist ein wertvolles diagnostisches Hilfsmittel, hat aber in Bezug auf die Differentialdiagnose SAD versus ÄVPS eine grundlegende methodische Limitation: Sie misst symptomatisches Ausmaß, nicht Persönlichkeitsstruktur. Patienten mit ÄVPS erzielen in der LSAS konsistent höhere Gesamtscores als Patienten mit isolierter SAD — Studien berichten Durchschnittswerte von über 90 Punkten bei ÄVPS im Vergleich zu 60 bis 70 bei SAD ohne Persönlichkeitsstörung. Aber dieser quantitative Unterschied allein reicht für die Diagnose einer ÄVPS nicht aus und kann die klinisch entscheidende qualitative Differenz — die Struktur des Selbstkonzepts — nicht abbilden.
Die definitive Diagnose einer ÄVPS erfordert ein strukturiertes klinisches Interview, das explizit auf die Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen ausgerichtet ist. Dafür stehen validierte Instrumente zur Verfügung, insbesondere das Strukturierte Klinische Interview für Persönlichkeitsstörungen nach DSM (SKID-II in seiner deutschen Version) und das International Personality Disorder Examination (IPDE). Diese Interviews erfassen nicht nur das Vorhandensein von Symptomen, sondern auch ihre zeitliche Stabilität, ihre pervasive Ausprägung über verschiedene Lebensbereiche und ihre ego-syntone Qualität — Kriterien, die für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung konstitutiv sind.
Darüber hinaus sind Schemafragebögen wie der Young Schema Questionnaire (YSQ) wertvolle Ergänzungsinstrumente, die spezifisch die Kernschemata erfassen, die für ÄVPS charakteristisch sind — insbesondere die bereits erwähnten Schemata der Defektivität und Scham, der sozialen Isolation und der emotionalen Entbehrung.
5. Neuronale Signaturen: Unterschiedliche Verarbeitung im Selbst-Schema-Netzwerk
Auf der neurobiologischen Ebene bietet die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte zunehmend präzise Hinweise darauf, dass SAD und ÄVPS nicht nur klinisch, sondern auch zerebral unterschiedliche Verarbeitungsmuster aufweisen — auch wenn die Datenlage für die ÄVPS im Vergleich zur SAD erheblich dünner ist, da die meisten Neuroimaging-Studien zu sozialer Angst keine systematische Trennung nach Persönlichkeitsstörungsdiagnose vorgenommen haben.
Für die SAD ist die neurobiologische Signatur gut etabliert: Hyperaktivierung der Amygdala in Antwort auf soziale Bedrohungsreize, reduzierte Aktivierung der ventromedialen präfrontalen Kortex bei der Regulierung emotionaler Reaktionen, und Anomalien in den kortiko-limbischen Schaltkreisen, die die Top-Down-Kontrolle über Angstreaktionen vermitteln. Dieses Muster ist konsistent mit einer situationsspezifischen, trigger-abhängigen Verarbeitung sozialer Bedrohung: Die Amygdala reagiert hyperreaktiv auf spezifische soziale Stimuli, und die präfrontalen Regulationsmechanismen sind insuffizient, um diese Reaktion effektiv zu dämpfen.
Bei der ÄVPS zeigt die verfügbare Forschung ein qualitativ erweitertes neuronales Muster. Neben der für SAD typischen Amygdala-Hyperreaktivität weisen Patienten mit ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitszügen eine stärker ausgeprägte und weniger situationsspezifische Aktivierung des Default Mode Network (DMN) auf — jenes Netzwerks zerebraler Regionen, das maßgeblich an der selbstreferenziellen Verarbeitung beteiligt ist. Das DMN umfasst den medialen präfrontalen Kortex, den posterioren zingulären Kortex, den Precuneus und den angulären Gyrus, und seine Aktivierung ist mit der Verarbeitung von Gedanken über sich selbst, über andere Personen und über soziale Szenarien assoziiert.
Die erhöhte DMN-Aktivierung bei ÄVPS ist in neurobiologischer Hinsicht ein Korrelat dessen, was klinisch als “Core Sense of Inadequacy” beschrieben wird: Die selbstreferenzielle Verarbeitung ist nicht nur bei Konfrontation mit spezifischen sozialen Stimuli erhöht — sie ist chronisch erhöht, auch in Abwesenheit expliziter sozialer Bedrohungsreize. Das Gehirn ist permanent damit beschäftigt, das Selbst in sozialen Kontexten zu evaluieren und die erwartete Ablehnung zu antizipieren. Dies unterscheidet sich fundamental von dem episodischen Aktivierungsmuster der SAD, bei der die erhöhte Selbstaufmerksamkeit durch spezifische Trigger ausgelöst wird.
Zusätzlich zeigen Studien mit sozialen Evaluationsparadigmen, dass Individuen mit hohen AvPD-Merkmalswerten eine stärkere Aktivierung der anterioren Insula in Reaktion auf antizipierte soziale Ablehnung aufweisen — einer Struktur, die in der Verarbeitung des Schmerzes, sowohl des physischen als auch des sozialen, eine zentrale Rolle spielt. Dies ist neurobiologisch kohärent mit der klinischen Beobachtung, dass für ÄVPS-Patienten die Antizipation von Ablehnung nicht nur kognitiv unangenehm ist, sondern physisch schmerzhaft erlebt wird.
Die Differenz in der neuronalen Signatur beider Störungen ist damit nicht primär eine Differenz in der Aktivierung subcortikaler Alarmstrukturen — die Amygdala ist in beiden Fällen hyperreaktiv — sondern eine Differenz in der Beteiligung kortikaler Selbstverarbeitungsnetzwerke. Bei der SAD ist die neuronale Reaktion primär sensorisch-evaluativ: Der Organismus reagiert auf einen Bedrohungsreiz mit Alarmierung. Bei der ÄVPS ist die neuronale Reaktion primär selbstreferenziell-schematisch: Der Organismus ist chronisch damit beschäftigt, das eigene Selbst in einem sozialen Kosmos zu verorten, in dem es als defizitär antizipiert wird.
6. Komorbiditätsprofil und Differentialdiagnose: Abgrenzung zu anderen Störungsbildern
Die diagnostische Präzision in der Abgrenzung von SAD und ÄVPS wird durch das Komorbiditätsprofil beider Störungen zusätzlich erschwert. Beide Störungen zeigen hohe Komorbiditätsraten mit depressiven Störungen, generalisierten Angststörungen und Substanzgebrauchsstörungen. Aber die Qualität dieser Komorbiditäten und ihre Beziehung zur Kernstörung unterscheiden sich.
Bei der SAD ist die Depression häufig eine sekundäre Konsequenz der durch Vermeidung bedingten sozialen Isolation und Einschränkung der Lebensqualität. Sie entwickelt sich als Reaktion auf die Frustration der sozialen Bedürfnisse und ist in ihrer Intensität oft mit der Schwere der sozialen Angstsymptomatik korreliert. Eine effektive Behandlung der SAD führt typischerweise auch zu einer Remission der komorbiden Depression.
Bei der ÄVPS hat die komorbide Depression häufig eine tiefere, schemabasierte Wurzel: Sie ist nicht primär die Konsequenz verpasster sozialer Möglichkeiten, sondern ein Ausdruck der chronischen Überzeugung von Unzulänglichkeit und Wertlosigkeit. Das depressive Kognitionsmuster — “Ich bin wertlos, die Welt ist feindlich, die Zukunft ist hoffnungslos” — ist in diesem Fall nicht sekundär zur sozialen Angst, sondern mit ihr verwoben als Ausdruck desselben dysfunktionalen Schemas.
Die Abgrenzung zur Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) verdient besondere Aufmerksamkeit, weil beide Störungen Hypersensibilität gegenüber Ablehnung als Kernmerkmal teilen. Der entscheidende Unterschied liegt in der Reaktion auf drohende Ablehnung: Patienten mit BPS reagieren auf Ablehnung mit impulsiven, oft selbstschädigenden oder beziehungsdestabilisierenden Verhaltensweisen — aus dem verzweifelten Bedürfnis heraus, die Verbindung aufrechtzuerhalten oder den Schmerz zu betäuben. Patienten mit ÄVPS reagieren auf dieselbe Bedrohung mit Rückzug und Vermeidung — aus dem Bestreben heraus, die Konfrontation mit der erwarteten Ablehnung zu verhindern. Diese unterschiedliche Verhaltensorganisation spiegelt unterschiedliche Bindungsstile und unterschiedliche regulatorische Strategien wider, die klinisch präzise erfasst werden müssen.
7. Therapeutische Implikationen: Warum die Diagnose den Therapieweg bestimmt
Das Fundament jeder effektiven psychotherapeutischen Intervention bei sozialer Angst liegt in einem soliden Verständnis der zugrundeliegenden Mechanismen. Wer soziale Angst verstehen möchte, muss zunächst verstehen, ob das Kernproblem in der situativen Angstreaktion liegt — wie bei der SAD — oder in den tiefen Selbstschemata, die jede soziale Begegnung mit der Antizipation von Ablehnung und Bestätigung der eigenen Unzulänglichkeit aufladen.
Für die soziale Angststörung ohne komorbide ÄVPS hat die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) die stärkste Evidenzbasis in der internationalen Forschungsliteratur. Standardprotokolle wie das von Clark und Wells entwickelte Modell, das Aufmerksamkeitsverzerrungen, Sicherheitsverhalten und post-event-processing als aufrechterhaltende Faktoren adressiert, erzielen in randomisierten kontrollierten Studien Response-Raten von 50 bis 70 Prozent. Die Expositionstherapie — das graduelle Aufsuchen gefürchteter sozialer Situationen unter therapeutischer Begleitung — ist das Kernwerkzeug, durch das die konditionierte Angstsreaktion extinguiert wird.
Für die ÄVPS ist dieses Therapiemodell notwendig, aber nicht hinreichend. Es adressiert die Symptomoberfläche — das Vermeidungsverhalten, die Angst in spezifischen Situationen — ohne die Schemaarchitektur zu erreichen, aus der diese Symptome emergieren. Expositionsübungen bei ÄVPS-Patienten, die nicht in einem therapeutischen Kontext durchgeführt werden, der die schematische Verarbeitung aktiv adressiert, produzieren häufig partielle Erfolge: Der Patient betritt die gefürchtete Situation, erlebt keine katastrophalen Konsequenzen — und erlebt trotzdem keine Verbesserung, weil das Schema der Defektivität durch eine einzelne positive Erfahrung nicht modifiziert wird. Schemas sind, nach Young, kognitive und affektive Strukturen, die durch ihre eigene Verarbeitung perpetuiert werden: Erfolge werden minimiert, Misserfolge werden als Bestätigung interpretiert.
Die Schematherapie von Young et al. ist derzeit der am besten evidenzbasierte Ansatz für die Behandlung der ÄVPS. Sie kombiniert kognitiv-verhaltenstherapeutische Techniken mit Elementen der Gestalttherapie, der Bindungstheorie und psychodynamischer Arbeit, um die Kernschemata direkt zu adressieren. Die therapeutische Beziehung spielt dabei eine qualitativ andere Rolle als in der Standard-KVT: Sie wird explizit als “Limited Reparenting” konzeptualisiert — als korrigierende emotionale Erfahrung, in der der Therapeut die konsistente Erfahrung von Akzeptanz, Wärme und Verlässlichkeit bereitstellt, die in der frühen Bindungsgeschichte des Patienten gefehlt hat.
Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), ursprünglich für die Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickelt, hat ebenfalls Relevanz für die Behandlung der ÄVPS, insbesondere in den Modulen zur Emotionsregulation und Distresstoleranz. Die Acceptance and Commitment Therapy (ACT) bietet mit ihrer Betonung des psychologischen Akzeptierens und der wertorientierten Verhaltensaktivierung einen Zugang, der für ÄVPS-Patienten besonders relevant ist: Sie zielt nicht auf die Beseitigung der Angstsymptome, sondern auf die Entwicklung einer flexibleren Beziehung zu diesen Symptomen, die ein wertorientiertes Handeln trotz ihrer Anwesenheit ermöglicht.
Die therapeutischen Zeitrahmen unterscheiden sich erheblich. Während SAD-Protokolle typischerweise 12 bis 20 Sitzungen umfassen, erfordert die Behandlung einer ÄVPS in der Regel mehrjährige therapeutische Arbeit. Dies ist klinisch nicht überraschend: Persönlichkeitsstrukturen, die sich über Jahrzehnte entwickelt haben und durch vielfältige Lebenser-fahrungen konsolidiert wurden, lassen sich nicht in wenigen Monaten reorganisieren. Die Erwartungsmanagement gegenüber ÄVPS-Patienten ist deshalb eine klinische Aufgabe von erheblicher Bedeutung: Wer nach zwanzig Sitzungen keine vollständige Remission erfahren hat, sollte nicht die Therapie als gescheitert bewerten, sondern den Therapieprozess als fortschreitend verstehen.
Schlussfolgerung: Präzision als Grundlage der Fürsorge
Die klinische Abgrenzung zwischen sozialer Phobie und ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsstörung ist keine akademische Übung. Sie ist die Grundlage, auf der Therapieplanung, Ressourcenallokation und die therapeutische Beziehungsgestaltung aufgebaut werden. Ein Patient, der jahrelang mit Expositionsprotokollen behandelt wird, die sein Kernproblem — das Schema der Defektivität und Scham — nicht erreichen, leidet nicht an einem therapieresistenten Störungsbild. Er leidet an einer Fehldiagnose.
Die Unterscheidung, die diese Fehldiagnose verhindert, ist einfach in ihrer Formulierung und komplex in ihrer klinischen Erfassung: Bei der SAD fürchtet der Patient eine Situation. Bei der ÄVPS fürchtet er sich selbst. Und eine Behandlung, die diese Differenz nicht respektiert, wird den Menschen, der Hilfe sucht, nie wirklich dort erreichen, wo sein Leiden wohnt.
James Holloway, Ph.D. Klinischer Neuropsychologe, spezialisiert auf die neurobiologischen Grundlagen sozialer Angststörungen, Persönlichkeitspathologie und Schematherapie. Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen dienen der wissenschaftlichen und klinischen Orientierung und ersetzen keine individuelle diagnostische und therapeutische Beurteilung durch qualifizierte Fachkräfte. Für die Differentialdiagnose zwischen sozialer Angststörung und ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsstörung wird die Durchführung eines strukturierten klinischen Interviews durch einen approbierten Psychotherapeuten oder Psychiater empfohlen.
