liebowitz soziale angst skala

Die Liebowitz Soziale Angst Skala (LSAS)

Ein wissenschaftlicher Leitfaden zur Messung und zum Verlauf der Sozialen Angst

Verfasst für sozialeangst.com | Wissenschaftlich fundiert auf der Grundlage der validierten Forschungsliteratur

Wichtiger Hinweis: Diese Skala ist ein wissenschaftlich validiertes Screeninginstrument. Sie ersetzt keine professionelle psychotherapeutische oder psychiatrische Diagnose und Behandlung. Wenn Sie unter sozialer Angst leiden, suchen Sie bitte eine qualifizierte Fachperson auf.

1. Die Notwendigkeit der Messbarkeit

Soziale Angst fühlt sich wie eine der isolierendsten Erfahrungen an, die ein Mensch machen kann. Wer in sozialen Situationen lähmende Angst erlebt, wird häufig mit einem vagen Gefühl der Hilflosigkeit konfrontiert: „Ich weiß, dass es irrational ist – aber ich kann es nicht kontrollieren.” Diese subjektive Wahrnehmung ist aus zwei Gründen problematisch.

Erstens variiert die individuelle Einschätzung der eigenen Angstschwere erheblich. Zwei Menschen mit klinisch vergleichbarer sozialer Angst können sich völlig unterschiedlich erleben – einer kann seine Belastung deutlich underestimieren, der andere deutlich überestimieren. Subjektives Befinden ist kein zuverlässiger Kompass.

Zweitens fehlt ohne einen Bezugspunkt die Möglichkeit, Veränderungen über Zeit verlässlich zu erkennen. Angst verändert sich graduell. Fortschritte, die in einem Zeitraum von Wochen oder Monaten real sind, werden häufig durch die Tendenz zur Habituation an den eigenen Zustand – also einer Art Gewöhnung an das Anfühlen der eigenen Angst – unsichtbar gemacht.

Ein validiertes psychometrisches Instrument wie die Liebowitz Soziale Angst Skala (LSAS) bietet hier einen konkreten, evidenzbasierten Anknüpfungspunkt. Sie liefert keine Diagnose im medizinischen Sinne, bietet aber einen quantifizierbaren Ausgangspunkt, an dem sich die Wirksamkeit von Therapie, Verhaltensänderungen oder Interventionen messen lässt. Für einen umfassenden Überblick über die Symptome sozialer Angst besuchen Sie bitte soziale angst symptome.

2. Wer war Michael Liebowitz? Die Entstehung einer Skala

Dr. Michael R. Liebowitz war ein Psychiater und Forscher an der Columbia University und dem New York State Psychiatric Institute in New York City. In einem Zeitraum, in dem soziale Phobie zwar im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-III) erstmals als eigenständige Diagnose anerkannt wurde, fehlte aber ein standardisiertes, klinisch taugliches Messinstrument für diese spezifische Angststörung.

Liebowitz stellte diese Lücke systematisch vor Augen: Die damals verfügbaren Instrumente erfassten entweder Angstsymptome zu allgemein oder unterschieden nicht zwischen verschiedenen Typen sozialer Situationen. Er konzipierte daher ein Instrument, das zwei Kernfragen für jede relevante soziale Situation stellt: Wie intensiv ist die Angst? und Wie häufig wird die Situation vermieden?

Die Skala wurde erstmals 1987 in der Publikation „Social Phobia” in der Reihe Modern Problems in Pharmacopsychiatry (Band 22, S. 141–173, veroeffentlicht von S. Karger AG, Basel) vorgestellt. Sie wurde anfangs als klinisch-administriertes Instrument konzipiert, das von einem Therapeuten oder Psychiater im Rahmen eines strukturierten Interviews durchgeführt wird. Spätere Studien – insbesondere von Baker et al. (2002) und Fresco et al. (2001) – validierten erfolgreich eine Selbstberichtversion (LSAS-SR), die mit den psychometrischen Eigenschaften der klinischen Version vergleichbar ist.

Bis heute ist die LSAS eines der am häufigsten verwendeten Instrumente zur Erfassung sozialer Angst weltweit. Sie wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und in verschiedenen kulturellen Kontexten validiert – darunter auch im deutschsprachigen Raum, wo eine Studie mit N = 311 SAD-Patienten optimale Trennwerte für Remission und Behandlungsansprechen bestimmte (Klimek et al., 2018).

3. Die Architektur des Tests: Angst vs. Vermeidung

3.1 Das Dual-Scoring-System

Die zentrale Innovation der LSAS liegt in ihrer zweidimensionalen Struktur. Jedes der 24 Szenarien wird nicht nur auf eine, sondern auf zwei Achsen bewertet:

Achse 1 – Angst (Fear): „Wie ängstlich oder ängstlich würden Sie sich in dieser Situation fühlen?” Die Antwortskala reicht von 0 (keine Angst) bis 3 (schwere Angst). Diese Achse erfasst die emotionale Intensität der Reaktion.

Achse 2 – Vermeidung (Avoidance): „Wie oft würden Sie diese Situation vermeiden?” Die Antwortskala reicht von 0 (keine Vermeidung) bis 3 (regelmäßige/häufige Vermeidung). Diese Achse erfasst das Verhaltensmuster, das aus der Angst resultiert.

Diese Unterscheidung ist klinisch bedeutsam, da Angst und Vermeidung nicht zwangsläufig parallel verlaufen. Die Gesamtpunktzahl wird berechnet durch die Addition aller 24 Angst-Bewertungen und aller 24 Vermeidungs-Bewertungen. Die maximale Gesamtpunktzahl beträgt 144 (24 Items × 2 Dimensionen × Maximalwert 3).

3.2 Das „High-Functioning”-Profil: Angst ohne Vermeidung

Ein klinisch besonders wichtiges Muster, das die LSAS aufdeckt, ist das sogenannte „High-Functioning”-Profil. Dieses beschreibt Menschen, die in sozialen Situationen eine hohe subjektive Angstschwere erleben, sich diese Situationen aber dennoch nicht entziehen – sie funktionieren äußerlich normal, bezahlen dafür aber emotional einen hohen Preis.

Bei diesen Personen zeigen sich auf der LSAS hohe Werte in der Angst-Subscale, aber relativ niedrige Werte in der Vermeidungs-Subscale. Das soziale Umfeld erkennt häufig nichts – die Person geht auf die Feier, führt das Gespräch mit der Autorität durch, isst in der Gemeinschaftskafeteria. Sie wird als „normaler Mensch” eingestuft. Intern aber erlebt sie jede dieser Situationen als eine Krise.

Die LSAS macht dieses Diskrepanzprofil sichtbar, wo eine reine Beobachtung oder eine Befragung nach „Vermeidest du soziale Situationen?” es nicht würde. Dies ist ein konkreter Mehrwert gegenüber einsprachigen Skalen. Wenn Sie sich anerkennnen, besuchen Sie bitte soziale angst überwinden für Ressourcen zur Bewältigung.

4. Analyse der 24 sozialen Szenarien

Die 24 Items der LSAS sind nicht willkürlich gewählt. Sie sind aus den diagnostischen Kriterien für soziale Angststörung (SAD) im DSM-III-R abgeleitet und decken zwei übergeordnete Kategorien ab:

4.1 Soziale Interaktionen (11 Items)

Diese Items befassen sich mit Situationen, in denen eine bidirektionale Kommunikation stattfindet – also Formen des persönlichen Austausches mit anderen Menschen. Beispiele umfassen unter anderem:

  • Gespräche mit Personen führen, die eine Autorität verkörpern (z. B. Vorgesetzte, Behördenmitarbeiter)
  • Mit Fremden in einer Gruppe sprechen
  • Waren zurückgeben oder Beschwerden melden
  • In kleinen Gesellschaften sozialen Umgang pflegen

4.2 Leistungssituationen (13 Items)

Diese Items beschreiben Situationen, in denen die Person beobachtet wird, während sie eine Handlung ausführt – es gibt keine Erwartung eines Austausches, aber die Angst vor negativer Bewertung durch Zuschauer ist zentral. Beispiele umfassen:

  • Essen oder Trinken in der Öffentlichkeit
  • Arbeiten, während man beobachtet wird
  • Auf einer Feier oder Party sein
  • Vor einem Publikum sprechen oder eine Präsentation halten
  • An einer Konferenz teilnehmen

Diese Aufteilung spiegelt eine fundamentale Unterscheidung wider, die in der psychometrischen Forschung als klinisch relevant anerkannt ist: Angst vor sozialer Interaktion und Angst vor Leistungsbewertung sind zwar verwandt, aber nicht identisch. Weitere Faktoranalysen haben darüber hinaus eine feinere Struktur vorgeschlagen – unter anderem ein Vierfaktor-Modell, das Bereiche wie öffentliches Essen und Trinken, formale Auftritte, Verhalten auf Partys und Interaktionen mit Fremden differenziert (Safren et al., 1999; Slavkin et al., 1990).

Wenn Sie sich auf einem sozialen Angst-Test testen möchten, steht Ihnen folgender Link zur Verfügung: soziale angst test.

5. LSAS-Auswertung und Interpretation

5.1 Berechnung der Gesamtpunktzahl

Die Gesamtpunktzahl ergibt sich aus:

Gesamtpunktzahl = Summe aller 24 Angst-Bewertungen + Summe aller 24 Vermeidungs-Bewertungen

Der Wertebereich läuft von 0 bis 144.

5.2 Interpretationstabelle: Validierte Trennwerte

Die folgenden Trennwerte basieren auf der Analyse von Mennin et al. (2002), die mittels Receiver Operating Characteristic (ROC)-Analyse optimale Grenzwerte für die Diagnose von SAD und deren generalisierten Subtyp bestimmten. Diese Studie umfasste 364 Patienten aus einer Multicenter-Stichprobe mit strukturierter diagnostischer Befragung sowie 34 Kontrollpersonen ohne Achse-I-Störungen.

GesamtpunktzahlInterpretationKlinische Bedeutung
0 – 29Minimale soziale AngstSAD ist unwahrscheinlich
30 – 59Leichte bis mittlere soziale AngstSAD möglich; Trennwert für SAD liegt bei ≥ 30
60 – 90Deutliche soziale AngstGeneralisierte SAD (GSAD) wahrscheinlich; Trennwert liegt bei ≥ 60
> 90Schwere soziale AngstSchwere, umfassende SAD

Wichtige Hinweise zur Interpretation:

Der Trennwert von 30 Punkten wurde als optimales Verhältnis von Sensitivität und Spezifität für die Identifikation von SAD bestimmt. Der Trennwert von 60 Punkten markiert den Grenzbereich für den generalisierten Subtyp der sozialen Angststörung – eine Form, bei der die Angst sich auf eine breite Palette sozialer Situationen erstreckt und in der Regel mit signifikanter funktionaler Beeinträchtigung einhergeht.

Eine deutsche Validierungsstudie (Klimek et al., 2018) bestimmte für die Selbstberichtversion (LSAS-SR) einen Remissions-Grenzwert von 35 Punkten als optimalen Wert, um eine zurückgegangene SAD-Diagnose zu identifizieren (Sensitivität: .83, Spezifität: .82).

Diese Werte sind keine Diagnose. Sie sind ein wissenschaftlich fundiertes Screeninginstrument. Eine klinische Diagnose kann nur durch eine qualifizierte Fachperson auf der Grundlage eines strukturierten diagnostischen Interviews gestellt werden.

6. Die Neurobiologie des Fortschritts: Was passiert im Gehirn?

6.1 Die Rolle der Amygdala bei sozialer Angst

Funktionale Neuroimaging-Studien haben konsistent gezeigt, dass bei Patienten mit sozialer Angststörung eine erhöhte Reaktivität der Amygdala bestehen, einem Hirngebiete, das zentral an der Verarbeitung von Bedrohungen beteiligt ist. Diese Überaktivität wird insbesondere bei selbstreferenzieller Kritik – also bei der Vorstellung, negativ von anderen bewertet zu werden – beobachtet (Furmark et al., 2000; Månsson et al., 2016).

6.2 Neuroplastizität durch effektive Behandlung

Eine randomisierte kontrollierte Studie von Månsson et al. (2016), veröffentlicht in Translational Psychiatry, lieferte erstmals gleichzeitig strukturelle und funktionale Neuroimaging-Daten vor und nach einer CBT-Behandlung bei SAD-Patienten. Die Ergebnisse waren bedeutsam:

Nach erfolgreicher kognitiver Verhaltenstherapie (CBT) wurden signifikante Veränderungen in der Amygdala beobachtet – sowohl eine Reduktion des Grausubstanzvolumens als auch eine Abnahme der funktionalen Reaktivität auf selbstreferenzierende Kritik. Die Studie zeigte weiterhin, dass die Reduktion des Amygdala-Volumens eine Vermittlungsfunktion zwischen abnehmender neuronaler Reaktivität und verbesserter sozialer Angst übernahm.

Eine Folgestudie desselben Gruppen (Månsson et al., 2017) zeigte, dass die strukturelle Neuroplastizität – also die Volumenreduktion der Amygdala – auch nach einem Jahr bei Behandlungsansprechen erhalten bleibt, auch wenn die funktionale Veränderung mittelfristig nachlässt. Dies legt nahe, dass langfristige Behandlungserfolge durch dauerhafte strukturelle Anpassungen im Gehirn unterstützt werden.

6.3 Warum die regelmäßige Wiederholung des LSAS relevant ist

Diese neurowissenschaftlichen Erkenntnisse unterstreichen einen praktischen Gesichtspunkt: Veränderungen im Angsterleben verlaufen graduell und sind häufig dem bewussten Wahrnehmungsvermögen entzogen – insbesondere über lengere Zeiträume betrachtet. Die regelmäßige Wiederholung des LSAS – etwa im Abstand von drei bis vier Monaten, wie es in klinischen Verlaufsstudien praktiziert wird – ermöglicht es, diese graduellen Veränderungen sichtbar zu machen.

Ein fallender Gesamtwert auf der LSAS korreliert, wie die Forschung zeigt, mit messbaren neurobiolologischen Veränderungen. Wer die Werte über Zeit verfolgt, kann sich aus dem Kreislauf der Selbstzweifel herausarbeiten – nicht durch Intuition, sondern durch Daten.

7. Schluss: Daten als Grundlage

Soziale Angst wird häufig als etwas erlebt, das sich einer rationalen Kontrolle vollständig entzieht. Diese Überzeugung ist verständlich – sie ist aber nicht mit dem aktuellen Stand der Forschung vereinbar. Die Neurobiologie zeigt, dass das Gehirn plastisch ist. Die psychometrische Forschung zeigt, dass soziale Angst messbar ist. Und die klinische Evidenz zeigt, dass effektive Behandlung zu messbaren Veränderungen führt – sowohl in selbstberichteten Skalen als auch in neurobiolologischen Parametern.

Die LSAS bietet keinen Heilsversprechen. Sie bietet etwas, das in vielen Fällen wertvoller ist: einen konkreten, wissenschaftlich validierten Ausgangspunkt, von dem aus Veränderungen beobachtet werden können. Für Menschen, die unter sozialer Angst leiden, kann allein die Erfahrung, dass ein Fortschritt nicht nur gefühlt, sondern auch gemessen werden kann, eine bedeutsame Verschiebung in der Wahrnehmung der eigenen Situation darstellen.

Literatur

  • Liebowitz, M. R. (1987). Social phobia. Modern Problems in Pharmacopsychiatry, 22, 141–173. (S. Karger AG, Basel)
  • Heimberg, R. G., Horner, K. J., Juster, H. R., Safren, S. A., Brown, E. J., Schneier, F. R., & Liebowitz, M. R. (1999). Psychometric properties of the Liebowitz Social Anxiety Scale. Psychological Medicine, 29(1), 199–212.
  • Mennin, D. S., Heimberg, R. G., Turk, C. L., & Fresco, D. M. (2002). Screening for social anxiety disorder in the clinical setting: Using the Liebowitz Social Anxiety Scale. Journal of Anxiety Disorders, 16(5), 560–584.
  • Baker, S. L., Renderski, A. E., Hendrichs, J., & Hofmann, S. G. (2002). The Liebowitz Social Anxiety Scale as a self-report instrument: A preliminary psychometric analysis. Behaviour Research and Therapy, 40(10), 1125–1136.
  • Fresco, D. M., Coles, M. E., Heimberg, R. G., Liebowitz, M. R., Hami, S., Stein, M. B., & Goetz, D. (2001). The Liebowitz Social Anxiety Scale: A comparison of the psychometric properties of self-report and clinician-administered formats. Behaviour Research and Therapy, 39(10), 1131–1149.
  • Klimek, P., Hladík, J., Frick, A., & Furmark, T. (2018). Liebowitz Social Anxiety Scale (LSAS): Optimal cut points for remission and response in a German sample. Journal of Anxiety Disorders, 55, 1–7.
  • Månsson, K. N. T., Salami, A., Frick, A., Carlbring, P., Andersson, G., Furmark, T., & Boraxbekk, C.-J. (2016). Neuroplasticity in response to cognitive behavior therapy for social anxiety disorder. Translational Psychiatry, 6, e747.
  • Månsson, K. N. T., Frick, A., Engman, J., Tinck, M., Carlbring, P., Furmark, T., & Andersson, G. (2017). Structural but not functional neuroplasticity one year after effective cognitive behaviour therapy for social anxiety disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 72, 327–335.
  • Safren, S. A., Heimberg, R. G., Brown, E. J., & Holle, C. (1999). Factor structure of the Liebowitz Social Anxiety Scale. Psychological Medicine, 29(4), 713–719.

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