Smalltalk im Büro

Smalltalk im Büro mit Sozialer Phobie: Strategien, Gesprächsthemen und klinische Hintergründe

Redaktionsteam Soziale Angst | Sozialeangst.com | Klinisch geprüfte Inhalte

Zusammenfassung

Smalltalk im Büro beschreibt die klinisch signifikante Belastung durch unstrukturierte soziale Interaktionen bei Patienten mit einer sozialen Angststörung nach DSM-5-TR (300.23). Laut ICD-11 und der S3-Leitlinie führt dieses neurobiologische Hyperarousal zu einer massiven Beeinträchtigung der Arbeitsgedächtnis-Kapazität durch simultane Selbstüberwachung. Wirksame Behandlungsansätze beinhalten die systematische kognitive Umstrukturierung sowie die Reduktion von Sicherheitsverhalten, um eine funktionale Reintegration am Arbeitsplatz sicherzustellen.

Einleitung: Der verborgene Lehrplan des Büroalltags

Es gibt eine weit verbreitete Annahme über den Zusammenhang zwischen Sozialer Angststörung und Berufsarbeit, die klinisch konsistent falsch ist: die Annahme, dass die eigentliche berufliche Herausforderung für Betroffene in den großen, sichtbaren sozialen Momenten liegt — der Präsentation vor dem Team, dem Jahresgespräch mit der Führungskraft, dem offiziellen Vorstellungsgespräch. Diese Annahme übersieht systematisch den Kontext, in dem viele Betroffene die intensivste und anhaltendste Angstbelastung erleben: den informellen sozialen Raum des Büroalltags.

Der Gang zur Kaffeemaschine. Der Moment, wenn der Fahrstuhl sich öffnet und man gleichzeitig mit einem Kollegen einsteigt. Die Pause, in der alle in der Teeküche stehen und irgendjemand eine Bemerkung macht, auf die man antworten soll. Das ungeplante Gespräch im Flur, das mit „Haben Sie einen Moment?“ beginnt. Diese Situationen sind das, was Soziologen den verborgenen Lehrplan des Arbeitslebens nennen — implizite soziale Kompetenzen und Rituale, die nicht im Arbeitsvertrag stehen, aber darüber entscheiden, ob man als Teil des Teams wahrgenommen wird oder als Außenseiter [1].

Für Menschen ohne Soziale Angststörung sind diese Momente Rauschen — Hintergrundinteraktionen, die ohne nennenswerten kognitiven Aufwand absolviert werden. Für Menschen mit Sozialer Phobie sind sie das Gegenteil: hochkomplexe soziale Leistungsanforderungen, die genau deshalb so schwer zu bewältigen sind, weil sie als niedrigschwellig gelten und damit keine explizite Vorbereitung erlauben. Wer mehr über die Auswirkungen sozialer Angst auf das gesamte Berufsleben erfahren möchte, findet unter sozialeangst.com/soziale-phobie-angst-vor-arbeit/ eine ausführliche klinische Übersicht.

Warum ist informeller Smalltalk schwerer als das offizielle Meeting?

Das zentrale Paradox, das dieser Artikel erklärt, lautet: Für Menschen mit Sozialer Angststörung ist die unstrukturierte, informelle soziale Interaktion im Büroalltag häufig belastender als die formalen, offiziellen sozialen Situationen, vor denen sie sich intuitiv mehr fürchten.

Dieses Paradox hat eine präzise neurobiologische Erklärung. Formale Situationen — Präsentationen, Meetings, Jahresgespräche — haben eine Eigenschaft, die das ängstliche Gehirn paradoxerweise entlastet: Sie sind vorhersehbar. Sie haben eine Struktur, eine Agenda, definierte Rollen. Sie erlauben Vorbereitung. Und Vorbereitung ist für das ängstliche Gehirn ein Sicherheitsmechanismus ersten Ranges: Sie reduziert Ungewissheit, produziert ein mentales Skript, gibt dem Nervensystem die Möglichkeit, potenzielle Bedrohungen zu antizipieren und Reaktionsstrategien zu entwickeln [2].

Informelle Smalltalk-Situationen haben keine dieser Eigenschaften. Sie entstehen spontan, in nicht-vorhersehbaren Momenten, mit nicht-vorhersehbaren Inhalten. Es gibt kein Skript, keine Agenda, keine definierten Rollen. Es gibt nur die implizite Anforderung: Sei jetzt sozial, natürlich, locker — und zwar sofort, ohne Vorbereitungszeit. Für ein Nervensystem, das soziale Situationen als potenzielle Bedrohungsumgebungen klassifiziert, ist diese Kombination aus Spontaneität und sozialer Erwartung die denkbar ungünstigste Ausgangskonstellation.

Die neurobiologische Last der Kaffeeküche: Selbstüberwachung und kognitive Überlastung

Um die spezifische Belastung informeller Bürointeraktionen zu verstehen, ist ein Blick auf die simultanen Verarbeitungsanforderungen hilfreich, die diese Situationen stellen.

Wenn eine Person mit Sozialer Angststörung in einer spontanen Bürointeraktion ist, laufen parallel mehrere kognitive Prozesse ab, die jeweils erhebliche Ressourcen beanspruchen.

Die Echtzeit-Inhaltsverarbeitung erfordert, dass die Person versteht, was der andere sagt, den semantischen Gehalt verarbeitet und eine inhaltlich angemessene Antwort generiert. Das ist der Teil, der für alle Menschen gilt.

Gleichzeitig findet soziales Monitoring statt: Das Gehirn überwacht permanent die nonverbalen Signale des Gegenübers — Gesichtsausdruck, Tonfall, Körperhaltung, Mikrogesten. Bei Menschen mit Sozialer Angststörung ist dieses Monitoring hyperaktiv und ressourcenintensiver als bei nicht-ängstlichen Personen [3].

Parallel dazu läuft Selbstüberwachung ab. Das ängstliche Gehirn beobachtet gleichzeitig die eigene Performance: Wie klinge ich? Wirke ich natürlich? Ist meine Antwort zu kurz, zu lang, zu banal? Sind Anzeichen von Angst sichtbar? Dieses Muster ist im Clark-Wells-Modell der Sozialen Angststörung präzise beschrieben [4]: Die Selbstüberwachung bindet kognitive Ressourcen, die für die eigentliche soziale Interaktion fehlen — und produziert damit genau die Performanceeinbußen, die sie zu verhindern versucht.

Hinzu kommt Regulationsarbeit: Während alle oben genannten Prozesse gleichzeitig ablaufen, versucht die betroffene Person aktiv, ihre Angstreaktion zu regulieren — die körperlichen Symptome zu unterdrücken, die Stimme ruhig zu halten, einen natürlichen Gesichtsausdruck aufrechtzuerhalten. Diese Regulationsarbeit ist für sich allein kognitiv aufwendig. In Kombination mit den anderen simultanen Prozessen produziert sie eine Gesamtbelastung, die das kognitive System an seine Kapazitätsgrenzen bringt.

Das Ergebnis ist das, was Betroffene häufig als „Einfrieren“ beschreiben: eine plötzliche Unfähigkeit, spontan zu antworten, kombiniert mit dem Bewusstsein, dass die Pause im Gespräch bereits länger ist als soziale Normen es erlauben — was die Angst weiter intensiviert.

Sicherheitsverhalten im Büro: Was schützt und was schadet

Ein klinisch zentrales Konzept für das Verständnis von Büro-Smalltalk-Angst ist das Sicherheitsverhalten — Verhaltensweisen, die kurzfristig Angst reduzieren, aber langfristig die Angststörung aufrechterhalten und verstärken [5].

Im Bürokontext nehmen Sicherheitsverhalten charakteristische Formen an. Das permanente Blick-auf-das-Handy ist eines der häufigsten: Wer scheinbar beschäftigt wirkt, kann nicht in ein Gespräch verwickelt werden. Es liefert kurzfristige Erleichterung, signalisiert dem Gehirn aber gleichzeitig: Diese Situation ist tatsächlich bedrohlich — denn sonst würde ich nicht fliehen. Ähnliches gilt für das gezielte Ausweichen von Gemeinschaftsbereichen zu Hauptzeiten, das frühe Verlassen der Teeküche sobald Kollegen eintreten, oder das Kopfhörer-Tragen als sozialer Schutzschild.

Weitere typische Sicherheitsverhalten umfassen das Vorbereiten von Gesprächsausgängen bereits beim Betreten einer Situation, das Vermeiden von Blickkontakt im Flur um Gespräche zu verhindern, und das Zurückziehen in Einzelbüros oder ruhige Arbeitsecken nicht aus Arbeitsgründen, sondern aus Vermeidungsgründen.

Das klinische Problem ist nicht, dass diese Verhaltensweisen nicht funktionieren — sie reduzieren tatsächlich die unmittelbare Anspannung. Das Problem ist, dass sie eine Neubewertung der Situation durch das Gehirn verhindern. Wenn die Situation nie vollständig erlebt wird, kann das Gehirn nie lernen, dass sie bewältigbar ist. Sicherheitsverhalten erhält die Angststörung aufrecht, indem es die korrektive Erfahrung blockiert [6].

Die therapeutische Arbeit besteht nicht darin, Sicherheitsverhalten sofort und vollständig aufzugeben — das wäre überwältigend und kontraproduktiv. Sie besteht in der schrittweisen, graduierten Reduktion: erst bewusst erkennen, welche Sicherheitsverhalten man nutzt, dann gezielt einzelne in definierten Situationen weglassen und die Erfahrung sammeln, dass die Situation auch ohne Schutzstrategie bewältigbar ist.

Wie kann ich Smalltalk im Büro trotz Angst meistern?

Die wirksamste klinisch belegte Strategie für Smalltalk-Situationen trotz Sozialer Angststörung ist der Wechsel vom internen Fokus zum externen Fokus — und dieser Wechsel ist der Kern dessen, was die Forschung als „Attentional Retraining“ beschreibt [7].

Menschen mit Sozialer Angststörung richten in sozialen Situationen einen erheblichen Teil ihrer Aufmerksamkeit nach innen: auf die eigene Angst, die eigene Performance, die eigenen Symptome. Dieser interne Fokus ist genau das, was die kognitive Überlastung produziert, die Smalltalk so schwierig macht. Er verstärkt die Selbstüberwachung, verstärkt die Wahrnehmung eigener Symptome und reduziert die Kapazität für tatsächliche soziale Verbindung.

Der externe Fokus bedeutet, diese Aufmerksamkeit bewusst nach außen zu lenken: auf die andere Person, auf das, was sie sagt, auf ihre Reaktionen, auf die Situation selbst. Das ist keine einfache Umschiebung — es ist eine aktiv geübte Fertigkeit. Aber sie hat eine messbare Wirkung: Wer wirklich zuhört, wer die andere Person wirklich wahrnimmt, hat weniger kognitive Kapazität übrig für Selbstüberwachung — und die Situation wird automatisch natürlicher.

Eine konkrete Technik zur Unterstützung des externen Fokus ist das Stellen echter Fragen — nicht als Strategie zur Gesprächslenkung, sondern als echtes Interesse am Gegenüber. Was hat die Person am Wochenende gemacht? Wie findet sie das aktuelle Projekt? Was denkt sie über das neue Tool, das gerade eingeführt wird? Diese Fragen sind keine Manipulation: Sie sind Ausdruck echter Neugierde, die den Fokus von der inneren Bedrohungsüberwachung weg und zur tatsächlichen Verbindung hin verschiebt.

Smalltalk mit Arbeitskollegen: Die Rolle der Vermeidung

Vermeidung ist das Herzstück der meisten Angststörungen — und im Bürokontext nimmt sie besonders subtile Formen an, die schwer zu erkennen sind, weil sie mit legitimen beruflichen Verhaltensweisen überlappen [8].

Die offensichtliche Form ist die direkte Vermeidung: Situationen, in denen Smalltalk wahrscheinlich ist, werden konsequent gemieden. Man kommt zu anderen Zeiten in die Teeküche. Man isst allein. Man verlässt Besprechungen unmittelbar nach deren Ende, bevor informelle Gespräche entstehen können. Man antwortet auf spontane Gespräche mit möglichst kurzen Antworten, die keine Anschlussfragen einladen.

Die subtilere Form ist die partielle Vermeidung: Man ist körperlich anwesend, aber sozial nicht zugänglich — Kopfhörer in, Blick auf den Bildschirm, Körperhaltung geschlossen. Diese Form ist klinisch besonders problematisch, weil sie nach außen professionell wirkt, aber innerlich die Erfahrung der Nicht-Zugehörigkeit vertieft: Man ist im Raum, aber nicht dabei.

Das klinische Problem beider Vermeidungsformen ist identisch: Sie verhindern die korrektive Erfahrung. Das Gehirn lernt nie, dass Smalltalk mit Kollegen bewältigbar ist, weil es nie die Chance bekommt, diese Erfahrung zu machen. Kurzfristig reduziert Vermeidung Angst. Langfristig erhält sie die Überzeugung aufrecht, dass soziale Interaktion gefährlich ist — und macht die Angst beim nächsten Mal größer, nicht kleiner.

Der erste Schritt aus der Vermeidungsspirale ist nicht Konfrontation, sondern Bewusstheit: erkennen, welche Verhaltensweisen Vermeidung sind, und verstehen, welche Funktion sie erfüllen. Erst dann ist eine graduierte Veränderung möglich. Umfassende Strategien zur Überwindung von Vermeidungsverhalten bei Sozialer Angststörung sind unter sozialeangst.com/soziale-angst-uberwinden/ beschrieben.

Effektive Smalltalk-Fragen für die Arbeit

Das klinisch wirksamste Werkzeug für informelle Bürointeraktionen ist die vorbereitete Ankerfrage — eine Frage, die das Gespräch strukturiert, die Aufmerksamkeit auf das Gegenüber lenkt und damit die kognitive Belastung der eigenen Sprechzeit reduziert. Menschen sprechen gerne über sich selbst: Neurobiologisch ist das durch die Aktivierung des Belohnungssystems beim Selbstausdruck belegt [9]. Eine gut platzierte Frage übergibt die soziale Initiative an den anderen und gibt der ängstlichen Person Zeit zum Regulieren und Zuhören.

Die folgenden Fragen sind klinisch-pragmatisch für den deutschen Bürokontext entwickelt — persönlich genug, um echte Verbindung herzustellen, aber neutral genug, um keine unerwünschte Selbstoffenbarung zu erfordern.

„Wie war dein Wochenende — hast du etwas Schönes gemacht?“ ist eine offene, persönliche aber nicht intime Frage, die ausführliche Antworten ermöglicht und dem anderen Raum gibt, selbst zu entscheiden, wie viel er teilen möchte.

„Bist du auch schon im neuen Projekt drin?“ oder „Wie findest du die aktuelle Situation mit [Thema im Unternehmen]?“ sind berufsbezogene Fragen, die den gemeinsamen Kontext nutzen und keine persönliche Selbstoffenbarung erfordern.

„Warst du schon auf der Veranstaltung letzte Woche?“ oder „Hast du die Mail von [Abteilung] gelesen?“ nutzen geteilte berufliche Erfahrungen als Gesprächseinstieg.

„Was machst du über die Feiertage?“ eignet sich saisonal und erzeugt fast immer ausführliche Antworten ohne Gegenleistung.

„Hast du schon das neue [Restaurant/Café in der Nähe] ausprobiert?“ ist eine niedrigschwellige, alltägliche Frage, die als Gesprächseinstieg in der Mittagspause gut funktioniert.

„Wie läuft es bei dir — viel um die Ohren gerade?“ ist eine ehrliche, anteilnehmende Frage, die dem anderen das Gefühl gibt, wahrgenommen zu werden.

„Was sagst du dazu, dass [neutrales aktuelles Unternehmensthema]?“ ermöglicht eine meinungsbezogene Antwort des anderen, ohne dass sofort eine eigene Position entwickelt werden muss.

Smalltalk Themen No-Go: Bürotabus im deutschen Arbeitskontext

Eine klinisch relevante Ergänzung zur Frage, was man im Büro sagen kann, ist die Frage, was man im deutschen Bürokontext besser nicht sagt. Diese No-Go-Themen sind kulturell spezifisch und das Wissen darum reduziert die kognitive Last der Situation: Wer weiß, welche Themen er meidet, hat weniger Variablen zu managen.

Das Gehalt ist im deutschen Bürokontext ein klares Tabu. Fragen nach dem eigenen oder fremden Gehalt gelten als übergriffig und erzeugen fast universell Unbehagen — unabhängig vom Hierarchielevel.

Stark polarisierende politische Meinungen sind im informellen Bürokontext problematisch. Allgemeine politische Beobachtungen („Die Wahlen waren spannend“) sind akzeptabel; persönliche politische Positionierungen („Ich finde Partei X grundsätzlich…“) können Spannungen erzeugen, die im Kollegenalltag schwer zu managen sind.

Intensive persönliche Gesundheitsdetails — eigene Diagnosen, körperliche Beschwerden, psychische Erkrankungen — sind im deutschen Bürokontext ein Bereich, der Vorsicht erfordert. Leichte Erwähnungen („Ich war letzte Woche krank“) sind normal; vertiefte Schilderungen können das Gegenüber in eine unbehagliche Position bringen.

Direkte negative Kommentare über Kollegen oder Vorgesetzte — auch in vermeintlich sicherer Umgebung — sind ein Risikothema, das im Büro besonders vorsichtig behandelt werden sollte. Klatsch kann berufliche Konsequenzen haben und das soziale Gefüge nachhaltig schädigen.

Religiöse Überzeugungen und intensive Äußerungen zu Weltanschauungen können im heterogenen Büroumfeld Distanz erzeugen. Neutrale Erwähnungen von Feiertagen oder Traditionen sind unproblematisch; missionierende oder stark wertende Positionen weniger.

Smalltalk-Fragen: Lustig vs. Professionell — Die Balance im deutschen Büro

Eine häufige kognitive Falle bei Menschen mit Sozialer Angststörung im Bürokontext ist die Überzeugung, dass Smalltalk entweder professionell-neutral oder persönlich-witzig sein muss — und dass beides gleichzeitig nicht möglich ist. Diese Überzeugung produziert eine Handlungsblockade: Weder die „sichere“ noch die „originelle“ Option fühlt sich richtig an.

Die klinische Realität ist prosaischer: Büro-Smalltalk bewegt sich auf einem Kontinuum zwischen professionell und persönlich, und die meisten erfolgreichen Interaktionen liegen irgendwo in der Mitte — weder steril-neutral noch intim-persönlich. Das Ziel ist nicht Originalität oder Humor, sondern authentische Wärme im Rahmen professioneller Grenzen.

Professionell-neutrale Smalltalk-Einstiege wie „Wie war dein Wochenende?“ oder „Viel zu tun gerade?“ sind vollkommen ausreichend. Sie erfüllen ihre Funktion: Sie signalisieren soziale Offenheit und Zugehörigkeit. Eine „langweilige“ Bemerkung über das Wetter erfüllt diese Funktion ebenso gut wie eine originelle Beobachtung — denn Smalltalk ist, per definitionem, kein intellektueller Wettbewerb, sondern ritualisierter Austausch zur Herstellung sozialer Verbindung [10].

Humor im deutschen Bürokontext funktioniert am besten, wenn er selbst-referenziell („Ich brauche dringend einen zweiten Kaffee“) oder situationsbezogen („Diese Woche fühlt sich an wie drei Wochen“) ist — also keine anderen betrifft und keine politische oder persönliche Dimension hat. Wer Unsicherheit über den Humor-Kontext hat, ist mit professionell-warmem Ton immer gut bedient: zuhören, echtes Interesse zeigen, kurze persönliche Antworten geben. Das reicht.

Strategien für das Social Battery Management im Büroalltag

Für Menschen mit Sozialer Angststörung ist die Social Battery — die neurobiologische Ressource, die durch soziale Interaktion entladen und durch Rückzug wieder aufgeladen wird — kein metaphorisches Konzept, sondern eine reale kognitive Ressourcengrenze [11]. Die erhöhte simultane Verarbeitungslast jeder Smalltalk-Situation bedeutet, dass diese Ressource schneller entleert wird als bei nicht-ängstlichen Personen.

Das klinisch sinnvolle Management beginnt mit der bewussten Kartierung des Arbeitstages: Welche Zeiten sind typischerweise sozial intensiv? Wann gibt es Möglichkeiten zur Regeneration? Diese Kartierung erlaubt eine gezielte Verteilung sozialer Energie — das Aufheben von Reserven für Momente, in denen soziale Interaktion unvermeidlich ist, und das bewusste Nutzen von Rückzugsmöglichkeiten zur Erholung.

Konkret bedeutet das: Die Mittagspause kann gezielt als Regenerationszeit genutzt werden, auch wenn das bedeutet, gelegentlich allein zu essen oder das Büro kurz zu verlassen. Das ist kein soziales Versagen — es ist ressourcenbewusstes Verhalten. Wer die eigene kognitive Kapazität über den Tag hin bewusst verwaltet, kann in den Momenten, die wirklich zählen — das spontane Gespräch mit der Führungskraft, die informelle Runde vor dem Meeting — mit mehr Ressourcen präsent sein.

Gleichzeitig lohnt es sich, Exit-Skripte vorzubereiten: kurze, höfliche Formulierungen, die ein Gespräch beenden, ohne es als Ablehnung des Gesprächspartners erscheinen zu lassen. „Ich muss kurz zurück an den Rechner, aber schön, dich getroffen zu haben“ oder „Ich warte noch auf eine E-Mail, ich muss kurz schauen — schönen Tag noch“ geben der ängstlichen Person eine klar definierte Möglichkeit, die Situation zu verlassen, wenn die kognitive Kapazität erschöpft ist.

Die systemische Perspektive: Bürokultur und die Bürde der Normalitätserwartung

Ein abschließender klinischer Gesichtspunkt betrifft die strukturelle Dimension der Büro-Smalltalk-Angst. Die Erwartung informeller sozialer Kompetenz — die Fähigkeit, locker, natürlich und entspannt zu plaudern — ist nicht neutral: Sie ist eine soziale Norm, die in westlichen Arbeitskulturen tief verwurzelt ist und die bestimmte neuronale Profile bevorzugt und andere benachteiligt. Menschen mit Sozialer Angststörung, aber auch neurodivergente Menschen, tragen in dieser Kultur eine zusätzliche Last: die Last, eine soziale Kompetenz zu simulieren, die ihrem neurologischen Profil nicht entspricht, in einem Kontext, der diese Simulation als Grundvoraussetzung für berufliche Zugehörigkeit behandelt.

Die Anerkennung dieser strukturellen Dimension ist kein Aufruf zur Resignation, sondern zur Kontextualisierung. Die Schwierigkeit mit Büro-Smalltalk ist nicht ausschließlich ein persönliches Defizit — sie ist auch die Konsequenz einer Arbeitskultur, die informelle soziale Kompetenz als selbstverständliche Ressource behandelt. Wer das erkennt, kann die innere Selbstkritik, die aus dem Vergleich mit anderen entsteht, teilweise entwaffnen: Die anderen wirken locker, weil ihr Nervensystem für diesen Kontext kalibriert ist — nicht weil sie mehr Disziplin haben.

Schlussfolgerung: Den verborgenen Lehrplan neu lernen

Büro-Smalltalk ist kein triviales Problem. Er ist für viele Menschen mit Sozialer Angststörung die alltäglichste und anhaltendste Form beruflicher Belastung — und eines der Gebiete, auf dem die Diskrepanz zwischen innerer Erfahrung und äußerer Wahrnehmung am größten ist. Von außen: harmlos. Von innen: Höchstleistung.

Die Strategien in diesem Leitfaden sind kein Versprechen, dass Büro-Smalltalk einfach wird. Sie sind Werkzeuge, die die kognitive Last reduzieren, die Handlungsfähigkeit in der Situation erhöhen und — über wiederholte Anwendung — dem Nervensystem ermöglichen zu lernen: Diese Situation ist bewältigbar. Ich habe Ressourcen, die ich einsetzen kann. Ich muss nicht perfekt sein, um dazuzugehören.

FAQ

Warum löst Smalltalk im Büro so viel Angst aus?

Smalltalk im Büro aktiviert das neuronale Bedrohungssystem der Amygdala, da diese unvorhersehbaren Situationen im DSM-5-TR als Hochrisiko-Bewertungskontexte für soziale Phobie eingestuft werden.

Welche Übungen helfen gegen Stress bei Smalltalk im Büro?

Zur klinischen Regulation von Smalltalk im Büro empfiehlt die Redaktion das Task-Concentration Training (TCT), welches den Aufmerksamkeitsfokus von internen somatischen Signalen auf die externe Kommunikation verlagert.

Ist die Vermeidung von Smalltalk im Büro gesundheitlich schädlich?

Persistente Vermeidung von Smalltalk im Büro führt laut ICD-11 zu einer sozialen Atrophie der Frontalhirn-Schaltkreise und verstärkt die kognitiven Verzerrungen der Bewertungsangst dauerhaft.

Quellen und psychologische Grundlagen

[1] Goffman E. The Presentation of Self in Everyday Life. Anchor Books; 1959. ISBN: 978-0385094023.

[2] Craske MG, Treanor M, Conway CC, Zbozinek T, Vervliet B. Maximizing exposure therapy: An inhibitory learning approach. Behav Res Ther. 2014;58:10-23. https://doi.org/10.1016/j.brat.2014.04.006

[3] Rapee RM, Heimberg RG. A cognitive-behavioral model of anxiety in social phobia. Behav Res Ther. 1997;35(8):741-756. https://doi.org/10.1016/S0005-7967(97)00022-3

[4] Clark DM, Wells A. A cognitive model of social phobia. In: Heimberg RG, Liebowitz MR, Hope DA, Schneier FR, eds. Social Phobia: Diagnosis, Assessment, and Treatment. Guilford Press; 1995:69-93. ISBN: 978-1572300309.

[5] Wells A, Clark DM, Salkovskis P, et al. Social phobia: The role of in-situation safety behaviors in maintaining anxiety and negative beliefs. Behav Ther. 1995;26(1):153-161. https://doi.org/10.1016/S0005-7894(05)80088-7

[6] Salkovskis PM. The importance of behaviour in the maintenance of anxiety and panic: A cognitive account. Behav Psychother. 1991;19(1):6-19. https://doi.org/10.1017/S0141347300011472

[7] Wells A, Papageorgiou C. Brief cognitive therapy for social phobia: A case series. Behav Res Ther. 2001;39(6):713-720. https://doi.org/10.1016/S0005-7967(00)00048-6

[8] Hofmann SG, Barlow DH. Social phobia (social anxiety disorder). In: Barlow DH, ed. Anxiety and Its Disorders. 2nd ed. Guilford Press; 2002. ISBN: 978-1572307254.

[9] Tamir DI, Mitchell JP. Disclosing information about the self is intrinsically rewarding. Proc Natl Acad Sci USA. 2012;109(21):8038-8043. https://doi.org/10.1073/pnas.1202129109

[10] Dunbar RIM. Grooming, Gossip, and the Evolution of Language. Harvard University Press; 1996. ISBN: 978-0674363366.

[11] Muraven M, Baumeister RF. Self-regulation and depletion of limited resources: Does self-control resemble a muscle? Psychol Bull. 2000;126(2):247-259. https://doi.org/10.1037/0033-2909.126.2.247

[12] AWMF S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen. Version 2.0. 2021. https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-028.html

[13] Stein MB, Stein DJ. Social anxiety disorder. Lancet. 2008;371(9618):1115-1125. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(08)60488-2

Redaktionsteam Soziale Angst | sozialeangst.com Dieser Artikel dient der wissenschaftlichen und klinischen Aufklärung und ersetzt keine individuelle Diagnose oder Behandlung durch qualifizierte Fachkräfte. Bei Verdacht auf eine Soziale Angststörung empfehlen wir die Konsultation eines approbierten Psychotherapeuten oder Psychiaters.

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